Wernigerode l Ein altes Fahrrad, Schrott und jede Menge Müll – echte Schätze haben die Archäologen noch nicht gefunden. Seit anderthalb Wochen untersuchen sie das Areal zwischen Breiter Straße, Johannisstraße und Brandgasse. Auf der Freifläche, wo sich bis vor kurzem ein Gemüseverkauf befand, soll im kommenden Jahr ein Wohn- und Geschäftshaus entstehen.

Auf Schätze sind die Männer vom Landesamt für Denkmalpflege in Halle jedoch nicht aus. „Wir wollen etwas über die Geschichte Wernigerodes herausfinden“, sagt Matthias Sopp. Einiges ist über das Gelände bereits bekannt. Früher standen dort vier Gebäude. Sie fielen dem verheerenden Bombenangriff vom 22. Februar 1944 zum Opfer, wurden zum Teil erheblich beschädigt. 192 Menschen verloren damals ihr Leben, 67 Häuser in der Stadt wurden komplett zerstört. Auch das Pelzgeschäft in der Breiten Straße 63 lag in Trümmern, die hinteren Gebäude wurden Jahre später abgerissen.

Stattliche Größe

Nach über 70 Jahren hat dort nun ein Bagger seine Schaufeln tief ins Erdreich gegraben und ein Kellergewölbe freigelegt. „Der Keller wurde bis in der 1940er Jahre genutzt“, ist sich Archäologe Olaf Kürbis sicher. Er sei deutlich älter als die letzte Bebauung. Wie alt genau, lasse sich schwer sagen. „Aufgrund des Tonnengewölbes gehen wir vom späten Mittelalter beziehungsweise von der frühen Neuzeit aus – also 15. Jahrhundert“, so Kürbis. Allerdings könne das bisher nicht durch Funde belegt werden.

Bilder

Der Keller hat mit zwölf Metern Länge und fünf Metern Breite eine stattliche Größe. „Wir nehmen an, dass darauf einmal ein großes repräsentatives Haus gestanden hat.“ Danach sei eine Stützmauer und noch viel später eine Steintreppe eingebaut worden.

Unter dieser Treppe haben die Archäologen einen Brunnen entdeckt. Das Mauerwerk ist noch gut erhalten. Kellerbrunnen seien vor der Einführung der Wasserleitungen üblich gewesen, so Matthias Sopp. „Der Brunnen wurde wahrscheinlich um 1900 aufgegeben.“

Viele Schaulustige

Rätsel gibt den Experten derzeit noch der Gang auf, der an der Längsseite des Kellers gefunden wurde. „Wo er hinführt, ist noch nicht geklärt“, sagt Olaf Kürbis. „Dahinter könnte ein weiterer Keller liegen. Wir wissen es noch nicht.“ Die Archäologen haben bisher nur den gemauerten Eingang freigelegt. „Viel weiter graben können wir nicht, weil Einsturzgefahr besteht.“

Vielleicht ein Geheimgang zum Schloss, mutmaßt Matthias Winkelmann. Sein Geschäft befindet sich gegenüber der Baustelle. Er verfolgt die Grabungen mit Interesse. „Mein Opa hat mir früher erzählt, dass es mehrere geheime Tunnel gab, die vom Schloss in die Stadt führten“, so der Wernigeröder. Er sei in den vergangenen Tagen mit vielen Schaulustigen ins Gespräch gekommen. „Sie haben erzählt, dass sie nach dem Krieg dort in den Trümmern und später in dem Keller gespielt haben.“

Wie Marina Mewald. „Ich habe als Kind in der Johannisstraße 13 gewohnt“, sagt sie im Volksstimme-Gespräch. Es gab mehrere Öffnungen, durch die man in den Keller gelangte. „Wir haben dort Verstecken gespielt“, erinnert sich die 64-Jährige. In den 1960er Jahren seien die Überreste weggesprengt worden. Auf der Freifläche wurden ein Spielplatz mit Schaukeln, Wippe und Klettergerüst und danach eine Grünfläche angelegt.

Können Sie, liebe Leser, weitere Erinnerungen mit uns teilen? Haben Sie vielleicht sogar alte Fotos von dem Areal an der Breiten Straße? Dann melden Sie sich bitte unter Telefon (0 39 43) 92 14 20 oder per E-Mail redaktion.wernigerode@volksstimme.de.