Wernigerode l „Das kann doch nicht wahr sein.“ Heidi Barnigerodt zieht ein Blatt aus dem Stapel Papier vor ihr auf dem Tisch. „Antrag auf überindividuelle Leistungen“ steht darauf – gerichtet an den Fonds Heimerziehung, der Betroffene und ihre Projekte unterstützt. Zwei Vorhaben hat die Wernigeröderin, selbst ein ehemaliges Heimkind, gemeinsam mit Leidensgenossen eingereicht. Die Ablehnung, die sie erhalten haben, empört die Frauen.

Viel Zeit, Energie und Herzblut haben die Beteiligten in das Projekt „Heim.Kind.Spiel“ gesteckt. Mit Hilfe von Studenten der Hochschule für Bildende Künste Dresden haben die drei Teilnehmerinnen, unter ihnen Heidi Barnigerodt, ihre Erlebnisse in einem Film verarbeitet. Traumatische Szenen wurden in Miniaturräumen mit Marionettenpuppen nachgestellt, mal spielen sie im Acht-Bett-Zimmer, mal im tiefen Wald. Eine Therapeutin begleitete den Dreh.

Gänsehaut pur

Für Heidi Barnigerodt, die als Kleinkind und erneut als Jugendliche mehrere Jahre in DDR-Kinderheimen verbringen musste, war das Projekt eine gute Erfahrung – wegen der Gemeinschaft mit anderen Betroffenen und wegen des Ergebnisses. Sie sagt: „Der Film ist toll geworden – Gänsehaut pur.“ Zuschauer können sich bei der Premiere selbst davon überzeugen (Sonnabend, 22. Oktober, 18 Uhr, Filmtheater Schauburg Dresden).

Um den Film zu finanzieren, stellte die Gruppe einen Antrag beim Fonds Heimerziehung über 10 000 Euro. Der Fonds soll ehemaligen Heimkindern aus Ost und West, die misshandelt und gequält wurden, mit Geld, Rat und Hilfe unterstützen. Dazu gehört die Aufarbeitung des erlittenen Unrechts. Ehemalige Heimkinder können dafür „überindividuelle Leistungen“ beantragen. Seit 2013 sind 17 Vorhaben mit 171 500 Euro unterstützt worden, darunter Theater-, Mal-, Film- und Buchprojekte, teilt das Bundesfamilienministerium mit.

Die „Heim.Kind.Spiel“-Macher rechneten sich gute Chancen aus, doch nach mehr als vier Monaten der Rückschlag: Antrag abgelehnt. Zwar sei das Projekt „sehr sinnvoll für eine Aufarbeitung der Heimvergangenheit“, heißt es aus der Fonds-Geschäftsstelle in Köln. „Jedoch entspricht es nicht den Richtlinien für eine finanzielle Förderung.“ Das Vorhaben sei nicht von Betroffenen, sondern von Studenten entwickelt worden, ihm fehle der „überindividuelle Charakter“, der Kostenplan sei „unrealistisch“, weil zu niedrig angesetzt. Gründe, die den Aktiven nicht einleuchten. „Wir waren sehr enttäuscht“, sagt Heidi Barnigerodt. Man habe Hilfe von Fachleuten gebraucht, der Fonds hätte flexibler urteilen sollen.

Kein Geld für Beratung

Bitter ist, dass zuvor bereits ein weiteres Vorhaben abgelehnt wurde, das Heidi Barnigerodt mit drei weiteren Betroffenen angeschoben hat. Gemeinsam mit der Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit sollte ein Forschungsprojekt zur psychosozialen Beratung für ehemalige Heimkinder starten. Dazu hätten Beratungsgespräche in Wernigerode gehört, samt wissenschaftlicher Auswertung. Die Ergebnisse sollten genutzt werden, um Hilfe zur Selbsthilfe zu organisieren. Die beantragten 10 000 Euro wurden jedoch nicht bewilligt.

Weil in Wernigerode Traumatherapeuten fehlen, müssen Betroffene oft auf fachlichen Rat und Hilfe verzichten. „Wir könnten sofort loslegen mit einer Selbsthilfegruppe, aber wir haben nichts davon, wenn wir keinen Therapeuten haben, der uns auffängt“, so Heidi Barnigerodt. Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, hält sich mit einer Bewertung zurück. Die Behörde will den Betroffenen im Harz jedoch trotzdem helfen. „Was wir ins Auge fassen, ist ab 2017 ein Gruppenangebot für Wernigerode. Unsere Mitarbeiter erarbeiten dazu derzeit eine Konzeption.“

Ein solches Angebot gebe es bisher nur im sächsischen Torgau. „Für uns ist das absolutes Neuland“, so die Landesbeauftragte. Sie und ihre Mitarbeiter wollen den Wunsch der Betroffenen aufgreifen. Diese leiden oft unter Schlafstörungen, Panikattacken oder Wut, kommen allein nicht zurecht. In der Gruppe könne man den Austausch anregen und begleiten, Teilnehmer hätten die Chance, sich zu stabilisieren. Die Beratung wäre das ein Segen, sagt Heidi Barnigerodt. „Man kann die Heimzeit zwar nicht vergessen. Aber man lernt, damit zu leben.“