Wernigerode l Die Wildschweinplage in Wernigerode nimmt und nimmt kein Ende. Aufgewühlte Wiesen, umgerissene Zäune, durchstöberte Gärten: Die Tiere sind weiter auf Futtersuche. Fündig werden sie in den Gärten und auf Grundstücken in Hasserode, aber längst nicht mehr nur dort. Auch in der Kantstraße, am Horstberg, im Salzbergtal und sogar in der Nähe des Westerntores treiben sie ihr Unwesen.

Wie bei Gerhart Brüning im Langen Stieg. Der Rentner hatte in den vergangenen Tagen mehrfach „Besuch“. „Einmal waren es zwölf Wildschweine auf einen Streich“, sagt Brüning. Die Borstentiere hätten sich seine Tulpenzwiebeln und die jungen Wurzeltriebe der frisch gepflanzten Obstbäume schmecken lassen. „Und das, obwohl ich einen Elektrozaun um mein Grundstück gezogen habe.“

Stadtjagd: Bisher kein Antrag gestellt

Bei Ernst Mendritzki mussten hunderte Frühblüher dran glauben. „Diesen Winter wurde mein Garten mehrfach völlig verwüstet“, schreibt der Wernigeröder an die Redaktion.

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Zu den bevorzugten Futterquellen der Wildschweine gehört nach wie vor die Gartenanlage im Nesseltal, die schon im Juni einigen Bachen samt Nachwuchs als Unterschlupf diente. „Eine ganze Horde war neulich bei mir“, klagt ein Pächter. „Sie haben alle Erdbeerpflanzen rausgeholt und den Rasen umgepflügt.“ Und das nicht zum ersten Mal. Nichts habe er 2017 ernten können. „Keine Erdbeeren, keine Kohlrabis, keine Kartoffeln.“ Und er fürchtet nicht nur um seine Pflanzen, sondern auch um sein Wohlergehen. „Muss erst jemand angegriffen werden, bis die Stadt tätig wird?“

Dabei hatte Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) noch im November Hoffnungen geweckt. Bei der Kreisverwaltung in Halberstadt wollte er ausloten, ob die Tiere im Stadtgebiet gejagt werden dürfen – wie in Thale und Magdeburg bereits geschehen. Eine gemeinsame Beratung fand bereits Anfang Dezember statt. Ohne ein Ergebnis bisher. Die Jagd in „befriedeten Gebieten“ sei möglich, kann aber nur „auf Antrag und im Einzelfall“ genehmigt werden, informiert Kreissprecher Manuel Slawig auf Nachfrage. Darauf hätten die Vertreter der Unteren Jagdbehörde in dem Gespräch hingewiesen. Von der Stadt sei noch kein Antrag eingegangen.

Offensichtlich tuen sich die Verantwortlichen im Rathaus schwer mit dem Thema Stadtjagd. Es werde immer noch geprüft, heißt es aus der Pressestelle. Knackpunkt ist laut Katrin Anders das „erhebliche Sicherheitsrisiko“ durch Querschläger beim Abschießen. Deshalb seien eine „sehr sorgfältige Prüfung und Abwägung der Einzelfalllagen und Örtlichkeiten“ notwendig, so die Rathausmitarbeiterin.

Abfall nicht draußen lagern

Währenddessen werde im Wald „verstärkt“ und mit „erhöhtem Personalaufwand“ gejagt. Etwa 300 Wildschweine sind seit April 2017 in den angrenzenden Jagdbezirken erlegt worden. „Das zeigt die Effizienz der Bejagung durch ortsansässige Jäger“, so Anders. Jäger und Stadt würden auch weiter „alles Erdenkliche“ unternehmen, um den Wildschweinbestand zu reduzieren – auch in Hinblick auf die Entwicklungen in Sachen Schweinepest. Für die Absicherung mit stabilen Zäunen, Eisenmatten und Ähnlichem sei dagegen jeder Grundstücksbesitzer selbst verantwortlich. Zudem rät die Stadtverwaltung zu Vergrämungsmitteln und warnt davor, die Tiere durch draußen gelagerte Abfälle an die Grundstücke zu locken.

Hinweise, die Geschädigte wie Gerhart Brüning nicht mehr hören können. Der Hobbygärtner und Jäger ist mit seiner Geduld am Ende. „Wenn sich nicht bald etwas tut, lege ich mich selbst mit meinem Gewehr auf die Lauer.“ Das wolle er Stadtchef Gaffert auch persönlich sagen.