Wernigerode l Wernigerode hat ein Wildschwein-Problem. Keine Frage. Das bestätigt auch Torsten Sinnecker. Der Leiter der Unteren Jagdbehörde hat sich selbst ein Bild von der Lage gemacht. Seit Frühjahr 2017 werden die Wernigeröder von Wildschweinen terrorisiert. Zuerst nur in Hasserode, längst aber auch in anderen Stadtteilen stürmen die Borstentiere Nacht für Nacht Grundstücke und Gärten. Auf der Suche nach Fressbarem zerwühlen sie Beete und Rasen, zerstören ganze Ernten – und sorgen bei den Geschädigten für saumäßig Ärger.

Mit Vertretern der Stadt Wernigerode war Torsten Sinnecker deshalb kürzlich im Nesseltal in Hasserode auf der Pirsch. Auch in der Gartenanlage treiben die Tiere seit Monaten ihr Unwesen, hatten sich dort zeitweise sogar eingenistet – sehr zum Leidwesen der Gartenpächter und Anwohner. Ein Großteil der Fläche gehört der Stadt, die, um der Wildschweinplage Herr zu werden, vor zwei Wochen die Jagd auf dem Grundstück beantragt hat.

Die Spuren, die Sinnecker und die anderen Teilnehmer bei der Begehung finden, waren noch frisch. „Wir haben einen stark begangenen Hauptwechsel entdeckt“, so der Jagdexperte im Volksstimme-Gespräch. „Das ist ein Trampelpfad – eine Art Autobahn für Waldschweine. Die Tiere mögen es, immer wieder den gleichen Weg zu gehen.“

Keine pauschale Jagdfreigabe in Wernigerode

Das Problem ist erkannt, dennoch kann die Jagd in der Stadt nicht pauschal freigegeben werden, so Torsten Sinnecker. Jeder Eigentümer müsse die „beschränkte Jagd“ für sein Grundstück selbst beantragen. „Wir können nur grundstücksbezogen genehmigen.“ Bisher liege der Kreisbehörde aber lediglich der Antrag der Stadt zur Prüfung vor. Die Stadt müsse nun „ganz konkret“ für die Jagd in Frage kommende Bereiche benennen. Danach sei eine weitere Begehung geplant.

Die Entscheidung steht also noch aus. Dass die Jagdbehörde tatsächlich die Jagd im Nesseltal genehmigt, ist allerdings unwahrscheinlich. „Das ist sehr schwierig“, schätzt Torsten Sinnecker nach dem ersten Ortstermin ein. In unmittelbarer Nähe befinden sich Wohnhäuser. Außerdem führt ein Fußweg mitten durch die Gartenanlage. „Es ist nicht so, dass ein getroffenes Wildschwein sofort tot umfällt“, sagt Sinnecker, der selbst passionierter Jäger ist. Es bestehe die Gefahr, dass es panisch „wegbricht“ – also flüchtet. Auch der Rest der Rotte könnte nach dem Schuss in Panik die Flucht ergreifen. „Und das kann sehr gefährlich für die Anwohner werden.“ Zudem müsse ausgeschlossen werden, dass die Kugel, wenn sie ihr Ziel verfehlt, auf Mauerwerk und die Straße aufschlägt, abprallt und einen Menschen verletzt oder gar tötet. „Das sind alles Argumente, die gegen eine Jagd sprechen.“

Für die betroffenen Wernigeröder habe er „vollstes Verständnis“. „Aber die Sicherheit geht nun mal vor.“ Und die Sicherheitsfrage bei einer Jagd im Stadtgebiet sei „extrem“. „Wir entscheiden von Einzelfall zu Einzelfall. Ist die Sicherheit gegeben, ist eine beschränkte Jagd auch möglich.“ Wenn nicht, helfe es, die Grundstücke richtig abzusichern. „Wenn ich am Waldrand wohne und einen Zaun habe, dann kommen die Wildschweine auch nicht rein. Aber dicht muss er sein – der Zaun.“

Nesseltal soll auf Vergrämung setzen

Für die städtische Gartenanlage im Nesseltal empfiehlt Torsten Sinnecker vorerst den Einsatz von Vergrämungsmitteln. „Beispielsweise Repelan. Die Wildschweine fressen die Pellets, die im Maul sehr scharf werden.“ Nach dieser Erfahrung, würden die Tiere das Gebiet meiden, so die Hoffnung. Auch einen Saufang, also eine Lebendfalle für Wildschweine, könnte in der Anlage getestet werden.

Wichtig sei es, dass in den umliegenden Wäldern weiter verstärkt gejagt wird. „Nicht nur, weil das Wild in die Städte zieht. Die Population ist stark angestiegen, und wir müssen für ein angepasstes Wildverhältnis sorgen.“ Jagd ja, aber keinen Vernichtungszug starten – das ist dem Experten ein Anliegen. „Nicht auf Bachen mit Frischlingen schießen und keine Tiere vergiften.“

Und wie reagiert man, wenn man im Wald oder im Garten auf ein Wildschwein trifft? „Ich weiß, wie das Herz pocht, wenn man einem 90-Kilo-Schwein gegenüber steht“, sagt Sinnecker. „Ein normales gesundes Wildschwein weicht aus.“ Man sollte keinesfalls auf das Tier zu gehen, sondern Krach machen. Gefährlich wird es, wenn Bachen mit Frischlingen unterwegs sind. „Dann sind sie aggressiv.“ Trotz des Ärgers, den die Tiere gerade in Wernigerode verursachen, sollten sie aber nicht verteufelt werden. „Sie sind hochintelligent, ein ehrbares Wild und ein wertvolles Wildbret.“