Zerbst l Inmitten der Stille erklingt eine Solovioline mit Eugène Ysayes Stück „Obsession“ (Deutsch: Besessenheit). Es ist düster, verzweifelt, mit einem kleinen Hauch von Hoffnung. Das Stück, das Myra van Campen-Bálint, ehemalige Konzertmeisterin der Anhaltischen Philharmonie Dessau, vorträgt, trifft die Stimmung gut, die an diesem Morgen in Zerbst auf dem Heidetorfriedhof herrscht.

Denn es ist der 16. April. Vor genau 72 Jahren - 1945 - um diese Uhrzeit – gegen 10.20 Uhr – hörten die Zerbster nicht etwa gerade die Klänge einer Geigerin, sondern die Explosionen von Bomben, die ihre Stadt zu 80 Prozent zerstörten und zahlreiche Menschen in den Tod rissen.

Erinnerungen bleiben

„Auch 72 Jahre danach sind die Erinnerungen wach, und wir tun gut dran, diese Erinnerungen als unsere eigene Geschichte und Verpflichtung für die Zukunft zu begreifen – denn das Erlebte verliert sich nicht“. sagt Bürgermeister Andreas Dittmann in seiner Ansprache. Zahlreiche dieser Erinnerungen finde man in dem Buch „Zerbst im April 1945“, sagt er und zitiert einige Passagen.

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Es gibt an dem Vormittag auch jene Menschen vor Ort, die den 16. April 1945 selbst erlebt, selbst überlebt haben. Einer von ihnen ist der 83-Jjährige Günter König. „Damals war ich zwölf Jahre alt“, fängt er an zu erzählen.

Er hatte Glück im Unglück. Bereits einige Tage vor dem Luftangriff wurde er aus Zerbst evakuiert und nach Deetz gebracht. Obwohl er dort in Sicherheit war, hat er den Angriff auf Zerbst aus der Ferne mit seinen damals kindlichen Augen gesehen, mitgefühlt. Bei ihm haben sich Eindrücke festgebrannt, die er nie mehr vergessen wird. „Die Flugzeuge habe ich riesengroß im Himmel gesehen“, erzählt der gebürtige Zerbster, der heute in Berlin lebt. Den Rauch habe er auch aus kilometerweiter Entfernung gesehen. Und sein Vater? Der habe später bei der Bergung der zahlreichen Toten geholfen, erinnert er sich weiter.

Helden sind Bürger der Stadt

Von genau den Menschen, die geholfen haben, Zerbst wiederaufzubauen, spricht Dittmann ebenfalls in seiner Rede. „Wenn wir nach Helden suchen, dann werden wir sie vor allem unter den Bürgern unserer Stadt finden“, sagt er und ergänzt: „Jene, die trotz aller Verluste den Wiederaufbau unserer Stadt in die Hand genommen haben.“

Als Andreas Dittmann (SPD) und der Stadtrat-Vorsitzender Wilfried Bustro (CDU) den Kranz am Gedenkstein niederlegen, kommen vielen Menschen die Tränen. Und dann spielt sie wieder, die Violine: diesmal die Sarabande aus der Solopartita in d-moll. Traurig, aber gleichzeitig voller Trost.