Zerbst l Eckhard Vogel nimmt den Satz „Es ist wichtig, viel Zeit mit der Familie zu verbringen“, wortwörtlich. Dabei kümmert ihn nicht nur seine lebende Familie, sondern auch die Familienmitglieder, die schon lange tot sind. Obwohl Eckhard Vogel in Frankfurt am Main wohnt und seine Familie ihre Ursprünge in Zerbst hat, recherchiert er dort seit sechs Jahren immer wieder über die Geschichte seiner direkten Vorfahren – die Familie Vogel – und der „eingeheirateten“ Familien Pfannenberg und Haasdorf.

Für Eckhard Vogel fing alles vor etwa 27 Jahren mit einem alten Foto eines Hauses am Zerbster Markt 28 an. Das dreistöckige Haus mit Renaissancefassade (Anm. d. Red.: heute Gebäude des leerstehenden Wehrkreiskommandos) war das Haus, das einst seinen Vorfahren gehört hat. Jahrelang habe er das Foto sorgfältig aufbewahrt. Bis er vor über sechs Jahren beschlossen habe: „Ich fahre selbst nach Zerbst und gehe dort auf die Suche nach den Wurzeln meiner Familie.“

Mit seinem Bruder aus Kiel ist Eckhard Vogel losgefahren. „Ich kam hier hin und hatte keine Ahnung, was mich erwartet“, erinnert sich der heute 76-Jährige. Das hat sich jedoch in den letzten sechs Jahren grundlegend geändert. So erzählt er: „Ich war mittlerweile 20 Mal zur Recherche in Zerbst, habe inzwischen viele meiner Familienmitglieder, die hier noch wohnen, kennengelernt und habe unzählige Dokumente, Fotos und andere Materialien aus dieser Zeit.“

Bilder

Hilfe bei der Spurensuche

Nach einem Besuch im Jahr 2014 stellte die Volksstimme Eckhard Vogel vor und rief Zerbster Bürger dazu auf, ihm bei seiner Spurensuche zu helfen. Kurz davor hatte er ein ganz besonderes Dokument erhalten: das Kriegstagebuch der Klara Haasdorf (geborene Vogel), um die es heute gehen soll.

„Jedes Dokument, jedes Foto, kommt auf einem anderen Weg zu mir“, erzählt Eckhard Vogel. So auch das Kriegstagebuch. „Ein Archivar aus Goslar, Ulrich Albers, erhielt das Tagebuch und konnte es zunächst nicht einordnen“, sagt er weiter. Albers habe bei Hannes Lemke, Archivar des Kirchen- und Stiftsarchivs St. Bartholomäi Zerbst, nachgefragt, welcher wiederum ihn selbst in Frankfurt kontaktiert habe, erzählt Vogel, wie der Kontakt mit Ulrich Albers in Goslar entstanden sei.

Mit dem neuen Kontakt wuchs das Interesse an dem alten Tagebuch. Denn Albers ist Dozent eines Sütterlin-Kurses an der Volkshochschule in Goslar. „Mit seinem Kurs hat er angefangen, das Tagebuch zu übersetzen“, erzählt Eckhard Vogel. Die Kursmitglieder habe das Tagebuch so sehr interessiert, dass sie das gesamte Buch in die moderne deutsche Schrift übertragen haben.

Tagebuch beschreibt Engpässe

Das Tagebuch seiner Vorfahrin bezeichnet Eckhard Vogel selbst als „Tagebuch einer Hausfrau.“ Er beschreibt: „Man kann darin gut nachlesen, wie die Preise zu Kriegszeiten explodiert sind und was für Versorgungsengpässe geherrscht haben müssen.“

So erfahre man zum Beispiel auch, wie man die in Kriegszeiten beliebte „Streckbutter“ mischt: „Ein Viertel Pfund Butter, 60 Gramm Mehl, Milch und ein Ei ergaben zusammen ein Pfund Streckbut-ter“, kann man aus dem Tagebuch entnehmen.

Doch für Eckhard Vogel hörte die Recherche über die Familie Vogel und Haasdorf beim Tagebuch lange nicht auf. Im Gegenteil. So erzählt er: „Immer wieder kamen Namen in dem Tagebuch vor, denen ich weiter auf die Schliche gegangen bin.“ So erfuhr er mithilfe des alten Buches und zahlreichen Stunden im Archiv einige wichtige Eckdaten und Fakten über seine Familie.

„Gustav Haasdorf wurde am 14. November 1867 als Sohn des Zerbster Brauherrn Gottlieb Haasdorf geboren“, erzählt Eckhard Vogel. Seine Vorfahren lassen sich in Zerbst bis zum Dreißigjährigen Krieg zurück verfolgen und waren Bierbrauer. Er heiratete in Zerbst am 29. Mai 1895 Klara Vogel, die am 24. Februar 1874 in Zerbst geboren wurde. Bei der Heirat war Gustav Haasdorf 27 Jahre und Klara Vogel 21 Jahre alt.

Brauwesen war verbreitet

Im Zuge seiner Recherchen über die Familie fand Eckhard Vogel ebenfalls heraus, dass Zerbst eine Stadt war, in der das Brauwesen als alte Tradition weit verbreitet war. „Berühmt wurde Zerbst durch sein Bitterbier“, erzählt er.

Das habe jedoch auch geheißen, meint Eckhard Vogel weiter: „Brauer zu sein war damals in der Brauereistadt Zerbst nichts Besonderes.“ Die Landregister aus dem Jahre 1572 gaben für die Stadt Zerbst 1022 Hauswirte an, von denen 566 Brauer waren – haben seine Recherchen im Archiv ergeben.

Weitgehend für den Hausgebrauch gebraut

In seiner Schrift „1000 Jahre Siedlungsraum der Stadt Zerbst“ aus dem Jahre 1939 erwähne der Zerbster Archivar Reinhold Specht auch die Haasdorfsche Brauerei: „Das verschwundene Haus Brüderstraße 13, an der Ecke der Salzstraße, war im 19. Jahrhundert die Haasdorfsche Bitterbierbrauerei, mit eine der letzten in Zerbst.“ Damals in Zerbst habe man weitgehend für den eigenen Hausgebrauch und den Bedarf seiner Nachbarn gebraut, hat Eckhard Vogel weiter herausgefunden.

Aber es sei auch Bier exportiert worden. „Die Brauereien waren Hausbrauereien, von denen man nicht leben konnte“, meint Vogel. Daher hatten alle Brauer noch einen weiteren Beruf. Gustav Haasdorfs Vorfahren waren zumeist Gerber. So auch sein Ur-Urgroßvater Ludwig Haasdorf (zirka 1680 – 1743).

Von ihm weiß Eckhard Vogel mittlerweile, dass Ludwig Haasdorf seine Brauerei in der Brüderstraße hatte, wo – vier Generationen nach ihm – Gustav Haasdorf zur Welt kam.

Gustavs Großvater Johann Gottlieb Gottfried Haasdorf (geboren 1781) bezeichnete sich nicht mehr als Brauer, sondern als Brauherr. Sein zweiter Beruf war Rad- und Stellmacher. Gustavs Vater Johann Gottlieb Haasdorf (1816–1889) war Brauherr und Fassmacher.

Vater Gottlieb Haasdorf starb 1889 in Zerbst, fand Eckhard Vogel weiter heraus. 1890, nach dem Tod des Vaters, wurde die Haasdorf-Brauerei ein letztes Mal im Zerbster Adressbuch unter dem Namen seiner Witwe Luise Haasdorf eingetragen. Dann wurde sie still gelegt, das Gebäude blieb aber bis 1920 im Familienbesitz. Im Zerbster Adressbuch 1925 wurde ein neuer Eigentümer angezeigt. Am 16. April 1945 wurden gut 80 Prozent von Zerbst und die ehemalige Haasdorf-Brauerei durch den Bombenangriff vollständig zerstört.

Gustav Haasdorf war beim Tod seines Vaters 22 Jahre alt. Als er 1895 heiratete, war er ausgebildeter Braumeister. Warum hat der Braumeister Gustav Haasdorf nicht die väterliche Brauerei übernommen?

Hatte er erkannt, dass die Haasdorf-Brauerei neben den beiden großen Pfannenberg-Brauereien in Zerbst mit 50 beziehungsweise 20 Beschäftigten keine Zukunft hatte? Eckhard Vogel kann diesbezüglich nur Vermutungen anstellen. „Im standesamtlichen Heiratseintrag 1895 von Gustav Haasdorf war dessen Wohnadresse übrigens nicht Zerbst, sondern Löbau in Sachsen“, erzählt er weiter.

Nach der Heirat zog er mit Klara nach Goslar, und betrieb dort 25 Jahre lang die Gambrinus-Brauerei. „Vielleicht gab es für ihn als Braumeister in Goslar bessere Berufsaussichten als in Zerbst“, mutmaßt Eckhard Vogel.

Niemals langweilig

Wer weiß, vielleicht findet der Frankfurter bei seinen Recherchen ja noch weitere Aufzeichnungen, die seine offenen Fragen beantworten werden. Diese Woche ist er wieder in der Stadt – um seine Familie zu besuchen beziehungsweise über sie im Archiv der Trinitatiskirche und der Bartholomäikirche nachzulesen. Langweilig wird dem 76-Jährigen dabei nie. Denn von seiner Zerbster Familie kann er eben im wahrsten Sinne des Wortes einfach nicht genug kriegen.

Nächste Woche folgt der zweite Teil: Die „Pfannenbergsche“ Villa in Zerbst.