Dessau-Roßlau l Wozu ein stramm ausgestreckter Mittelfinger doch gut sein kann! Die obszöne Geste mutiert zum nützlichen Werkzeug. Als Mephisto seine Fingerkuppe auf den Tresen von Auerbachs Keller setzt, bohrt sie sich sirrend tief ins Holz. Sprudelnd füllen sich die Gläser mit Bier, Wein und Champagner. Doch die Gastfreundschaft der besoffenen Truppe im Leipziger Lokal schlägt schnell um in Aggressivität. „Deutschland! Deutschland!“ grölend, zückt die auf Krawall gebürstete knollennasige und zipfelbemützte Schar zu düsterer Metal-Musik gegen den Teufel und seinen Begleiter Faust die scharf gewetzten Klingen. Um die Lunte der Gewalt zu zünden, hätte es aufflammender Getränke gar nicht bedurft.

Keine Spuren von heiler Welt zwischen Himmel und Hölle. In diesem von Regisseur K.D. Schmidt und seinem Team auf die Bühne des Anhaltischen Theater gewuchteten ersten Teils der Faust-Tragödie findet sich kaum eine Szene, die nicht bedrohlich wirkt. Videoprojektionen (Sebastian Purfürst) und Sounddesign (Smoking Joe) leisten ihren Beitrag, dass da nicht bloß das vage Gefühl, sondern das feste Wissen wächst: Von Station zu Station rückt die Katastrophe näher. Außerdem kennen natürlich die allermeisten, die den Zuschauerraum zur Premiere fast gänzlich füllen, „ihren“ Goethe. Margarete wird zur Kindsmörderin, redet wirr in ihrem Kerker - und wird am Ende - wenn nicht erlöst - dann doch zumindest gerettet.

Wer ein vollständig zeilengetreues Deklamieren des Großwerkes erwartet - und in Dessau helfen Opernchor und Ballett weidlich mit, dass es als solches empfunden werden kann - , der ist freilich gänzlich fehl am Platze. Der Osterspaziergang etwa, von wohl nicht wenigen auf den Sesseln vor knapp vier Wochen mit ehrlicher Inbrunst memoriert, wird tüchtig zerpflückt und eingedampft. So ein Umgang mit nationalem Kulturgut mag Puristen erschüttern. Doch warum die sattsam bekannte Bildungsfracht, die zuweilen auch Ballast sein kann, bis zur Besinnungslosigkeit wiederholen? Die Dessauer, die mit dem Verzicht wahrlich keine heilige Kuh schlachten, treiben das starke Stück rasant voran.

tolles Bühnenbild

Nach weniger als drei Stunden - Pause inklusive - können sich vorrangig Mirjana Milosavljević als peinigend anrührende Margarete und Andreas Hammer, der den verjüngten Faust gibt, frenetisch feiern lassen. Beide stehen an der Spitze einer überzeugenden Leistung des Ensembles, das den sich ins Unermessliche zu erstrecken scheinenden Bühnenraum (Szenenbild: Jürgen Lier) mit Spannung zu füllen versteht. Vorn dominiert ihn ein über den Orchestergraben gelegter Steg, der sich ausfahren lässt. Angespornt von Techno-Rhythmen, dirigiert in dem käfigartigen Kubus die den Zaubertrank verabreichende Hexe (Illi Oehlmann) sich wie rasend gebärdende Tänzer.

Zentrales Gebilde aber ist eine Konstruktion aus unübersichtlich verbundenen Streben und Schrägen. Sich kantig auftürmend, ermöglichen die glatten Planken Aufstieg und Absturz gleichermaßen. Zwischen und unter ihnen winden sich labyrinthische Gänge, in den sich die beiden anderen „Fäuste“ - Christel Ortmann verhutzelt im Rollstuhl, Dirk S. Greis als Forscher in den besten (?) Jahren - ihre Wege ebenfalls mühsam suchen müssen. Von den Klippen herab schreit Margarete ihre Bestürzung über den Tod der Mutter heraus. Auf ihnen stirbt ihr Bruder Valentin (Gerald Fiedler), Margarete der Hurerei bezichtigend.

Natürlich bleiben letztgültige Antworten aus und viele Fragen offen. Welches Ausmaß sollte Erkenntnishunger annehmen? Verschlingt er alles? Verzehrt er schlussendlich den einzelnen Menschen oder die Menschheit selbst? Gibt Faustens Seele oben auf dem Podest - Uta Krieg führte die Marionette - zuckend den Geist auf? Hatte sie Mephisto - Sven Brormann entledigte sich schnell seiner schwarzen Flügel und zeigte die diabolische Gestalt als Menschen wie du und ich - zuvor nicht schon achtlos entsorgt?

Sinnstiftende Musik

Und selbstverständlich lassen sich auch treffliche Streitgespräche ausfechten, ob es erlaubt ist, den Hitparaden-Oldie Jürgen Marcus mit „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ einzubauen. Aber bitte nicht aus der Distanz, sondern erst nach direkter Inaugenscheinnahme. Bei diesem „Faust“ lohnt sie sich allemal. Da schlägt sogar ein schmalziger Schlager nicht auf den Magen, sondern entfaltet an der Stelle, an der er erklingt, eine ausgesprochen sinnstiftende Wirkung.

 

Die nächste Vorstellung findet am 20. Mai, 17 Uhr; 24. Mai, 10 Uhr, und am 10. Juni um 17 Uhr im Anhaltischen Theater in Dessau statt.