Zerbst/Halle l Nur noch weniger als einen Monat sollte der Zweite Weltkrieg dauern. Es waren nur noch zwei Stunden bis zum Befehl, die Luftangriffe auf die deutschen Städte einzustellen. Zerbst und seinen Einwohnern half beides nicht. Es war der 16. April um 10.20 Uhr, als die Bomben auf die fast 1000-jährige Stadt fielen und nur wenig von ihr übrig ließen. Die erschütternde Bilanz: 574 Menschen starben, gut 80 Prozent der Gebäude wurden zerstört.

Eine der Überlebenden dieser Nacht war Ursula Streuber. In dem folgenden Brief teilt die 82-Jährige ihre Erinnerungen an den Tag der Zerstörung.

„Vieles habe ich aufgeschrieben: Die Flucht aus Schlesien, von der Hungersnot in Görlitz, das Leben 1945 nach der Grenzschließung jenseits der Neisse und vieles mehr.

Flucht ins Elternhaus

Im Februar 1945 flüchteten wir beim letzten Aufruf am 23. Februar (die Russen standen vor der Stadt) nach Zerbst, Friedrichholzallee 89, in das Elternhaus meiner Mutter. Leider waren die Großeltern im Dezember 44 verstorben.

Am 7. März 45 – mein 10. Geburtstag – standen wir abends auf dem Hausdach, sahen den glutroten Himmel, als Dessau brannte.

Mitte April, nachmittags, kam der Aufruf an die Zerbster Bevölkerung, die Stadt zu verlassen, weil der Stadtkommandant sich nicht für die Übergabe der Stadt, sondern für die Bombardierung entschied.

Der Volkssturm, ältere Jahrgänge und Jugendliche, musste in der Stadt bleiben.

Genau zu dem Zeitpunkt geschah es!!!

Wir lagen in einem kleinen Wäldchen oder Gebüsch bei Luso. Da sah ich zum ersten Mal die Christbäume am Himmel. Sonst waren alle ja bei Fliegeralarm im Keller. Dann folgte ein unheimliches schreckliches Grollen des herannahenden Fluggeschwaders.

Nun brach die Hölle los, dicht vor unseren Augen! Wir lagen in einem Erdloch und ich vergrub mich in den Pelzmantel meiner Mutter. Bei der Flucht angehabt, hatte keinen anderen Mantel.

Verschüttete Soldaten nicht gerettet

Angst, Angst, Angst!!! 14 Tage lagen Hunderte von Zerbstern in einer Scheune in Luso, auf Decken an der Erde, zu Mittag gab´s Viehkartoffeln und Speck. Ich kann mich nicht erinnern, Teller oder Besteck gehabt zu haben.

Ende April, durchs Frauentor mit einer Menschenkarawane, in die Stadt zurück. Ich weiß nur, dass die Forsythien in voller Blüte standen. Dann kamen die Amerikaner, schenkten uns Kindern Kaugummi und Schokolade.

Danach folgten die Russen. Alle Bewohner flohen in die Keller und zitterten vor Angst. Ein Russe kam in den Keller und schrie nach Schnaps. Alle verneinten, dabei entdeckte er im Regal eine Likörflache oder ähnliches, man hatte Tomatenmark damals eingekocht. Der Russe reagierte „fuchsteufelswild“ als er das merkte. Alle erwarteten das Schlimmste, aber es ging vorüber.

Am 30. Mai zogen meine Mutter und ich zu Fuß ab nach Görlitz, um zu retten, was noch zu retten sei. Leider vergeblich, denn der Übergang an der Neisse war schon geschlossen. Wir hatten unseren Betrieb und die Wohnung auf der Ostseite der Stadt – Pech gehabt.

Die Flucht am 23. Februar 1945 nach Zerbst dauerte per Bus vier Tage. Die Rückkehr zu Fuß 18 Tage!

Von der Bombardierung des Zerbster Schlosses, damals Lazarett mit einem roten Kreuz auf dem Dach versehen, erzählte ich Ihnen bereits. Unvergessen die Tragik: Die verschütteten kranken Soldaten gaben zehn Tage lang Klopfzeichen.

Da die Mauern so dicht waren, konnten sie nicht gerettet werden. Mein Onkel, Otto Ulrich, Lehrer, beim Volkssturm, hatte danach einen Nervenzusammenbruch. Sie hatten zehn Tage sich umsonst bemüht!!!

Als Relikt aus jener Bombennacht in Zerbst ist, dass ich mir bis heute ungern Feuerwerke ansehe, so tief ist die Angst noch nach 70 Jahren.“

Das Gedenken wird am Ostersonntag auf dem Heidetorfriedhof gestaltet. Von der St.-Jacobus-Kirche kommend wird die Osterkerze vom Eingang des Heidetorfriedhofes zur Gedenkstätte getragen. Ab 10.20 Uhr werden zur Erinnerung an den Beginn der Bombardierung die Glocken der Zerbster Kirchen läuten.