Rio de Janeiro (dpa) l Fifa-Boss Joseph Blatter hat mit seinen provokanten Thesen zum Thema Videobeweis mitten in der WM-Hochphase Fans und Feinde von mehr Technik im Fußball gegeneinander aufgewiegelt. Der Vorschlag für zwei Einspruchsmöglichkeiten der Trainer bei strittigen Szenen klingt revolutionär und mutig. Doch Blatters Motive gehen über den Wunsch nach mehr Gerechtigkeit hinaus.

Im Machtkampf mit dem technikskeptischen UEFA-Chef Michel Platini um den Präsidententhron im Weltverband war der Vorstoß von dem Schweizer bewusst kalkuliert. Dass jetzt nicht nur bei den internationalen Verbänden Fifa und UEFA, sondern auch im deutschen Fußball über Sinn und Unsinn von Kamerahilfen für Schiedsrichter debattiert wird, ist ein Nebenprodukt der überraschenden Blatter-Offensive.

"Wenn es darum geht, ob es ein Elfmeter oder kein Elfmeter war innerhalb oder außerhalb des Strafraums, ein Foul oder kein Foul, kann der Coach intervenieren", beschrieb Blatter seine Veto-Idee. Das konnte nicht ohne Reaktionen bleiben.

"Torlinientechnologie ja, Videobeweis nein", erwiderte Bundestrainer Joachim Löw. Auch DFB-Chef Wolfgang Niersbach befürwortet die Blatter-Idee nicht. "Wir vom DFB sind klar für die Torlinientechnologie. Beim Videobeweis wäre ich äußerst skeptisch. Da kann ich nur meine Bitte in Richtung Fifa wiederholen: Dann schafft lieber die Dreifachbestrafung ab, ehe ihr mit neuen Dingen kommt, die in den Gremien überhaupt nicht besprochen worden sind", sagte der DFB-Chef.

Andreas Rettig, Geschäftsführer Spielbetrieb der DFL, sieht das aber ganz anders und machte sich zum ersten Fürsprecher der Video-Revolution. "Die Torlinientechnologie und die mit ihr verbundenen Investitionen klären nur 5 Prozent der kritischen Torentscheidungen auf, wesentlich effektiver zur Reduzierung der Fehlentscheidungen wäre der Videobeweis", sagte Rettig der "Bild am Sonntag". Wie die Funktionäre nach diesen Aussagen wieder die viel beschworene Einheit zwischen DFB und DFL demonstrieren wollen, ist schwer vorstellbar.

"Ich habe mit Michel Platini gesprochen, er hat mir gesagt, dass er die Goal-Line-Technology bei der EM 2016 einführen wird", verriet Blatter. Platinis Wille zu einer Einführung der von ihm lange abgelehnten , bei der WM aber erfolgreich praktizierten Torlinientechnik entbehrt nicht jeder Grundlage - doch von Blatter sollte sie gewiss nicht ausposaunt werden. Längst bestimmen subtile Anfeindungen der Alphatiere Blatter und Platini jede Debatte. Dabei hat sich Platini noch gar nicht erklärt, ob er in den Wahlkampf gegen Blatter um das FIFA-Präsidentenamt im Mai 2015 ziehen will.