Berlin - Mehr als ein Jahrzehnt nach der vollständigen Öffnung der Bundeswehr für Frauen gibt es massive Probleme bei ihrer Integration in die Truppe.

Nach einer am Freitag veröffentlichen Umfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr aus dem Jahr 2011 wachsen unter den Soldaten die Vorbehalte gegen ihre Kameradinnen. 56,6 Prozent meinten, Frauen veränderten die Bundeswehr zum Schlechteren.

2005 waren es noch 51,6 Prozent. Jeder Dritte sagte, die Truppe verliere an Kampfkraft, und 15,6 Prozent meinten sogar, die Bundeswehr könne ihren militärischen Auftrag nicht mehr erfüllen.

Für Aufregung sorgten am Freitag auch neue Zahlen zur Rekrutierung Minderjähriger für die Bundeswehr. In den vergangenen drei Jahren wurden nach Angaben des Verteidigungsministeriums mehr als 3000 17-Jährige eingestellt. In der Koalition bahnt sich deswegen Streit an: Die SPD forderte, nur noch Volljährige zu rekrutieren.

Die Bundeswehr hatte 2001 alle militärischen Laufbahnen für Frauen geöffnet und das Ziel eines Frauenanteils von 15 Prozent ausgegeben. Heute sind unter den rund 186 000 Soldaten 10,1 Prozent Frauen. Laut Studie nimmt bei den Soldatinnen die Zufriedenheit mit ihrer Berufswahl ab. Nur noch 57 Prozent sagen, sie würden wieder Soldat werden. 2005 waren es noch 66 Prozent. Für die Studie wurden zwischen August und Oktober 2011 insgesamt 3058 Frauen und 1771 Männer befragt.

Dabei ging es auch um das Thema sexuelle Belästigung in den Kasernen. 55 Prozent der Frauen gaben an, sie seien mindestens einmal verbal oder tätlich belästigt wurden. Nach Angaben von Studienleiter Gerhard Kümmel weichen die Werte in diesem Bereich aber nicht wesentlich von Erhebungen in anderen Berufsfeldern ab. Befragungen der US-Streitkräfte hätten sogar noch höhere Zahlen ergeben.

Kümmel sprach von einer "Eintrübung des Integrationsklimas". Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat zwischen 2005 und 2011 laut Studie gelitten. 61,4 Prozent der Männer (2005: 51,8 Prozent) und 54,9 Prozent der Frauen (2005: 51,4) berichteten über Partnerschaftskrisen aufgrund ihres Dienstes. 43,3 der Männer und 44,2 Prozent der Frauen trennten sich sogar deswegen.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sieht sich durch die Studie in ihren Anstrengungen für eine familienfreundlichere Bundeswehr bestätigt. "Wir müssen die Karrierepfade für Frauen gangbarer machen, die Vereinbarkeit von Dienst und Familie zügig vorantreiben und auch besser sichtbar machen, wie sehr die Bundeswehr von der wachsenden Zahl Frauen in der Truppe profitiert."

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, verlangte eine schnelle Reaktion auf die Untersuchung. "Die Studie zeigt, dass das Thema sexuelle Belästigung in der Bundeswehr ernst genommen wird, auch wenn ich mir eine schnellere Umsetzung der dort gewonnenen Erkenntnisse gewünscht hätte", sagte er der "Bild"-Zeitung (Samstag).