Berlin/Auschwitz/St. Petersburg - Russische Soldaten befreiten vor 70 Jahren das belagerte Leningrad und ein Jahr später Auschwitz. Am Holocaust-Gedenktag rufen Redner den Nazi-Terror in Erinnerung und fordern zu Zivilcourage auf.

Der russische Schriftsteller Daniil Alexandrowitsch Granin (95) berichtete im Bundestag über das Sterben und Überleben in der von der Wehrmacht eingeschlossenen Stadt Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kamen 61 Abgeordnete der israelischen Knesset zum Gedenken der Opfer mit Überlebenden des Holocaust zusammen.

Am 27. Januar vor 70 Jahren brachen russische Soldaten die fast 900 Tage währende Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht auf. Ein Jahr später - am 27. Januar 1945 - befreiten Soldaten der Roten Armee das größte nationalsozialistische Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

"Der Tod war jemand, der schweigend seine Arbeit tat in diesem Krieg", sagte Granin in der Gedenkstunde des Bundestags. Wassermangel, Hunger, Kälte, Krankheiten und der Beschuss der deutschen Wehrmacht brachten damals rund einer Millionen Menschen den Tod. "Ich konnte lange den Deutschen nicht verzeihen", sagte Granin, der als Soldat der sowjetischen Armee an der Leningrader Front gekämpft hatte und später als Schriftsteller die Belagerung Leningrads aufarbeitete.

Bundestagspräsident Norbert Lammert rief zum Kampf gegen Ausgrenzung auf. Der Völkermord an den europäischen Juden und der Vernichtungsfeldzug in Osteuropa hätten ihre Wurzeln in der nationalsozialistischen Rassenideologie gehabt. Lammert nannte die Morde der Neonazi-Terrorzelle NSU, Proteste gegen Flüchtlingsheime und antisemitische Straftat und sagte: "In Deutschland jedenfalls ist Intoleranz nicht mehr tolerierbar."

In Auschwitz-Birkenau sagte der Fraktionschef der oppositionellen Arbeitspartei in der Knesset, Isaak Herzog: "Auschwitz wird für immer das schwarze Loch in der gesamten Menschheitsgeschichte sein." Nie wieder dürften Menschen gleichgültig auf das Schicksal anderer reagieren oder vor Antisemitismus und Rassenhass resignieren, betonte Herzog, der auch an das Schicksal seiner in Auschwitz ermordeten Tante erinnerte.

Vor der Gedenkfeier hatten die Knesset-Vertreter mit mehr als 20 hochbetagten Holocaust-Überlebenden und Vertretern des israelischen Militärs das Stammlager Auschwitz besucht, wo unter anderem Schuhe, Koffer und Haare der Ermordeten aufbewahrt werden. Vor dem Denkmal für die Opfer von Auschwitz-Birkenau beteten Überlebende und Abgeordneten das jüdische Totengebet Kaddisch und das Erinnerungsgebet für die Holocaust-Opfer, das "El Male Rachamim".

In St. Petersburg wurde mit Kranzniederlegungen und einer Parade historischer Militärfahrzeuge der Opfer der Blockade gedacht. Der russische Präsident Wladimir Putin sagte auf dem Gedenkfriedhof Piskarjowskoje: "Es ist unsere Pflicht, an die damaligen Bewohner und ihren Sieg über den Faschismus zu erinnern." Er legte auch Blumen für seinen Bruder Viktor nieder, der 1942 in der Stadt gestorben war. Bundespräsident Joachim Gauck betonte in einem Schreiben an Putin, er denke "mit tiefer Trauer und mit Scham an den Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands gegen die Sowjetunion".

An das Schicksal der mehr als 200 000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, die in der Zeit des Nationalsozialismus umgebracht wurden, erinnert eine neue Ausstellung im Bundestag. Bei einer Gedenkveranstaltung in Stockholm standen die ermordeten 500 000 Roma und Sinti Europas im Zentrum. Der Vorsitzende des Deutschen Zentralrats Sinti und Roma, Romani Rose, sagte, nur wenn Sinti und Roma in den europäischen Staaten ins nationale Gedächtnis aufgenommen würden, könnten Ausgrenzung und Rassismus überwunden werden.