München - Im NSU-Prozess wollen die Nebenkläger geklärt sehen, welche Rolle ein ehemaliger V-Mann mit dem Tarnnamen "Corelli" im Umfeld des "Nationalsozialistischen Untergrund" gespielt hat. Die Anwälte der Mordopfer stellten vor dem Oberlandesgericht München entsprechende Anträge.

Der Rostocker Anwalt Peer Stolle verlangte, eine CD als Beweismittel zuzulassen, auf der sich nach einem "Spiegel"-Bericht 15 000 Texte und Bilder rassistischen und rechtsextremistischen Inhalts befinden sollen - einige davon soll der inzwischen gestorbene V-Mann selbst verfasst haben.

Die CD trägt den Titel "NSU/NSDAP" und soll 2006 zusammengestellt worden sein, fünf Jahre vor dem Auffliegen des NSU-Trios. Das Kürzel "NSU" war damals Außenstehenden noch unbekannt. "Corelli" habe demnach "bereits 2006 vom NSU und den Taten gewusst und damit auch der Bundesverfassungsschutz", folgerte Stolle. Bundesanwalt Herbert Diemer kündigte an, seine Behörde werde die CD untersuchen. Die Ergebnisse würden in den Prozess eingebracht.

Stolle verlangte außerdem, die Akte über den Tod des V-Mannes beizuziehen. "Corelli" war nach Behördenangaben vor wenigen Wochen mit 39 Jahren an Diabetes gestorben. Ermittler hatten ihn am 3. April tot in seiner Wohnung in Nordrhein-Westfalen gefunden, wo sie ihn zu der CD befragen wollten.

Anwalt Stolle sagte unter Berufung auf Geheimdienstunterlagen, der V-Mann habe vor dem Untertauchen des NSU-Trios zumindest mit Uwe Mundlos Kontakt gehabt und Telefonnummern ausgetauscht. "Corelli" war 2012 enttarnt worden und lebte danach in einem Zeugenschutzprogramm.

In der Verhandlung schilderte ein BKA-Ermittler am Dienstag auch Details aus der Vernehmung eines Ex-Geliebten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, eines früheren Skinhead-Anführers. Sie habe den wegen Körperverletzung und Volksverhetzung verurteilten Chemnitzer Neonazi im Gefängnis besucht, und bei einer Party 1996 habe es dann zwischen den beiden "gefunkt".

Der Mann habe zu Protokoll gegeben: "An Beate hatte mich gereizt, dass sie anders war, sie war nicht die typische Szenebraut". Allerdings habe sie ständig Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt um sich gehabt und sei an einer langfristigen Beziehung nicht interessiert gewesen. Er habe das "Techtelmechtel" darum im April 1997 beendet. Der Ex-Freund habe Zschäpe als meist verschlossen geschildert, nur bei politischen Themen sei sie aufgetaut. Der Mann habe in der Vernehmung auch eingeräumt, Sprengstoff für Mundlos besorgt zu haben, sagte der Kriminalbeamte.

Am Rande der Verhandlung wurde bekannt, dass das Gericht eine 92 Jahre alte frühere Nachbarin des NSU-Trios in Zwickau in ihrem Pflegeheim vernehmen lassen will. Sie wohnte Wand an Wand mit den Untergetauchten. Es geht um die Frage, ob Zschäpe die Frau warnte, nachdem sie in der NSU-Wohnung Feuer gelegt hatte. Verwandte retteten die Frau damals aus dem brennenden Haus.

Die Vernehmung soll ein Amtsrichter vor Ort führen. "Hintergrund ist, dass der Zeugin die Reise zum Senat nach München nicht möglich ist", sagte Gerichtssprecherin Andrea Titz. Der Senat habe sich darum an das Amtsgericht Zwickau gewandt. Die hochbetagte Frau, die unter Demenz leidet, war an einem früheren Prozesstag schon einmal per Videoschalte befragt worden. Der Richter hatte die Vernehmung aber nach wenigen Minuten abgebrochen, weil die Zeugin schon zu Beginn Schwierigkeiten hatte, Fragen nach ihren Personalien zu beantworten.