Magdeburg | Helmut Kohl versprach nach dem Fall der Mauer "blühende Landschaften". Doch zwei Billionen Euro für die Wiedervereinigung zwischen Ost und West? Der Magdeburger Wirtschaftswissenschaftler Karl-Heinz Paqué sagt im Gespräch mit Dominik Bath und Hagen Eichler, warum die Einheit trotzdem ein Erfolg ist.

Volksstimme: Herr Professor Paqué, sie stammen aus dem Saarland, das mit den ostdeutschen Bundesländern das gleiche Schicksal teilt: Es wurde mit der Bundesrepublik wiedervereinigt - allerdings bereits 1957. Hat eigentlich mal jemand berechnet, wie viel Geld die Bundesrepublik das gekostet hat?
Karl-Heinz Paqué: Nein, nicht, dass ich wüsste.

Volksstimme: Warum nicht?
Paqué: Das Saarland ist viel kleiner. Es hat nicht die Bedeutung, die Mittel- und Ostdeutschland zukommt. Die Saar-Debatte war auch emotional nicht so aufgeladen wie das Thema der Deutschen Einheit. Das Saarland trennte vorher keine Mauer und kein Stacheldraht von der Bundesrepublik.

Volksstimme: Zwei Billionen Euro sollen seit der Wiedervereinigung nach Ostdeutschland geflossen sein. Wie viel genau, lässt sich nicht nachvollziehen. Wie präzise sind derartige Berechnungen?
Paqué: Da ist viel Willkür dabei. Man muss immer im Auge behalten, dass es zum Teil um Projekte geht, die keineswegs nur Ost-Projekte sind. Die Autobahn wie auch die ICE-Strecke Hannover - Berlin sind ausgebaut bzw. völlig neu gebaut worden. Ist das nun ein West-Projekt? Ist es ein Ost-Projekt? Meines Erachtens ist es ein gesamtdeutsches Projekt. Wenn dabei ein Großraum vernetzt wird, ist die Zuordnung doch müßig.
Bei den Sozialleistungen ist es noch schwieriger. Innerhalb des Rentensystems hat ein Leistungstransfer von West- nach Ostdeutschland stattgefunden. Das ist aber nur der Tatsache geschuldet, dass der Gesetzgeber zu Recht entschieden hat, die Lebensleistung der ehemaligen Bürger der DDR anzuerkennen - und zwar fast auf dem Niveau einer Lebensleistung in Westdeutschland. Das Problem war nur, dass der Osten, was die Pro-Kopf-Einkommen und damit Beiträge in die Rentenkasse anlangt, nicht mit dem Westen mithalten konnte. Deswegen mussten viele Milliarden in die ostdeutschen Länder fließen.

Volksstimme:
Wie teilen sich die zwei Billionen Euro auf, die der Berliner Forscher Klaus Schroeder berechnet hat?
Paqué: 60 bis 65 Prozent dieses Geldes sind in den Sozialbereich geflossen. Ein Großteil davon in die Rente. Den Rest haben die Länder vor ihrer Haustür investiert. Heute haben wir in Ostdeutschland eine Region mit einer Produktivität, die zu 75 bis 80 Prozent dem westdeutschen Niveau entspricht. Natürlich bleibt da noch immer eine Lücke zum Westen, aber es ist deutlich mehr, als ein Land wie zum Beispiel Tschechien hat.

Volksstimme: Böhmen hatte seine wirtschaftliche Blütezeit vor dem Zweiten Weltkrieg.
Paqué: Richtig. In der Zwischenkriegszeit hatte die Tschechoslowakei ein Pro-Kopf-Einkommen, das auf dem Niveau von Frankreich lag, also gar nicht weit weg von dem Mitteldeutschlands. Es war also eine hochindustrialisierte Region. Wo steht Tschechien heute, ohne einen Aufbau Ost wie in Deutschland? Es steht bei etwa 40 Prozent des Produktivitäts-Niveaus Westdeutschlands, Ostdeutschland bei fast 80 Prozent, also doppelt so hoch. Die Differenz können Sie also ganz grob als Rendite des Aufbaus Ost nehmen. Das ist sehr beachtlich.

Volksstimme: Bei der Kostenberechnung der Deutschen Einheit schwingt der erhobene Zeigefinger des Westens mit. Westdeutsche Finanzminister halten ihren Kollegen nicht selten vor, dass die Ost-Länder mehr Spielraum dank der Hilfen aus dem Westen hätten. Nervt Sie diese Neid-Debatte?
Paqué: Diese Debatte ist nicht sinnvoll, zu unterschiedlich sind die Strukturen. Trotzdem finde ich es interessant zu sehen, wie viel das ganze Projekt in etwa gekostet hat. Ich bin Mitglied einer deutsch-südkoreanischen Kommission zur Beratung der südkoreanischen Regierung in Wiedervereinigungsfragen. Was Deutschland die Einheit gekostet hat, interessiert die Koreaner brennend. Insofern ist die Dimension der Kosten schon wichtig, damit man weiß: Hier geht es um ein gigantisches Projekt. Und ich sage den Südkoreanern immer: Glaubt nicht, dass es für euch billiger wird, wenn der Tag kommt!

Volksstimme: Sagen Sie den Koreanern, dass die deutsche Wiedervereinigung auch wirtschaftlich erfolgreich war?
Paqué: Absolut, denn die deutsche Wiedervereinigung ist ein großer Erfolg der Re-Industrialisierung. Aber die Industrie, die entstanden ist, hat im Durchschnitt noch nicht die gleiche Innovationskraft wie die Industrie in Westdeutschland. Ein Beispiel: Die Firma Bayer mit Sitz in Leverkusen betreibt in Bitterfeld ein Werk. Produziert wurde dort lange Zeit vor allem Aspirin. Aber wir wissen alle, dass Aspirin ein standardisiertes Produkt ist. Die Wertschöpfung pro Arbeitsplatz fällt da einfach niedriger aus als bei hochinnovativen Pharmazeutika, die in Leverkusen hergestellt werden.

Volksstimme: Warum kam das so?
Paqué: Bayer hat nach 1990 zwar in Bitterfeld investiert. Aber der Standort für die Forschung blieb weiterhin in Leverkusen. Am Standort in Sachsen-Anhalt ist zunächst mal nur eine Produktionsstätte entstanden. Das ist verständlich gewesen. Man konnte die Unternehmen ja nicht zwingen, ihre Forschungsabteilungen zu verlegen. Wir müssen daran arbeiten, diese Innnovationslücke zwischen West und Ost zu schließen. Das geht nicht von heute auf morgen.

Volksstimme: Kann man sie denn überhaupt irgendwann schließen?
Paqué: Das Ziel muss bleiben, dass der Osten weiter aufholt und weiter wächst. Aber ich warne davor zu glauben, dass sei leicht und schnell zu bewerkstelligen. Das haben wir in den vergangenen 25 Jahren gelernt.

Volksstimme: Was bedeutet das für die ostdeutsche Bevölkerung?
Paqué: Wir müssen damit leben, aber politisch alles tun, um die Wirtschaftskraft der Region zu stärken. Es wäre aber unredlich zu sagen, dass wir in fünf oder zehn Jahren ein Einkommensniveau wie in München erreichen. Das wird es hier nicht geben. Es hat auch in der alten westdeutschen Republik nie gleiche Lebensverhältnisse gegeben. Schauen Sie sich an, wie sich etwa das Ruhrgebiet darstellt im Vergleich zu München. Auch das Ruhrgebiet hat sich weiterentwickelt, aber München hat doch noch die Nase vorn.

Volksstimme: Brauchen einige Gebiete in Westdeutschland deswegen jetzt auch Aufbauhilfe?
Paqué: Nein. Als die Mauer fiel, kam Ostdeutschland in einem Schlag aus einer 40-jährigen industriellen Isolation, dank einer Planwirtschaft, die nicht funktionierte. Westdeutschland hat dagegen einen viel langsameren Strukturwandel erlebt und war nie vom Weltmarkt abgeschottet. Die industrielle Innovationskraft musste erst neu belebt werden, mit all den Strukturen, die man dafür braucht - insbesondere Universitäten, Hochschulen und öffentliche Forschungseinrichtungen. Das ist eine Situation, die es in Westdeutschland nicht gab.

Volksstimme: Wann wird aufgehört, die Deutsche Einheit aufzurechnen?
Paqué: Wir nähern uns dem 25. Jahrestag des Mauerfalls. Bei jedem Jubiläum wird neu gerechnet. Rückblickend kann ich aber sagen, dass vor zehn Jahren die Diskussionen viel hitziger waren. Es wird weniger. Die deutsche Wiedervereinigung wird immer mehr Teil der Geschichte. Und das ist gut so.