Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, erklärt im Interview mit Volksstimme-Redakteur Dominik Bath, warum die Bahn mehr Geld braucht und Magdeburg auch ohne ICE gut angebunden ist.

Volksstimme: Herr Grube, im vergangenen Jahr hielten die Hochgeschwindigkeitszüge der Deutschen Bahn wegen einer Streckensperrung für fünf Monate in Magdeburg. Was sind Ihre Erkenntnisse aus dieser Zeit?
Rüdiger Grube:
Als wir während des Hochwassers die Strecke vom Ruhrgebiet nach Berlin umleiten mussten, war das für uns auch noch mal eine Gelegenheit, zu prüfen, wie ein ICE-Angebot zwischen Berlin und Magdeburg angenommen wird. Leider ist die Nachfrage weiterhin viel zu gering, als dass wir die längere Fahrtzeit von etwa einer Stunde von und nach Berlin durch die Streckenführung über Magdeburg dauerhaft rechtfertigen könnten. Wir hatten ja zwischen 2010 schon mal eine Interregio-Verbindung zwischen Magdeburg und Berlin angeboten, die wir dann zu unserem Bedauern nach zwei Jahren wieder einstellen mussten, weil die Auslastung zu schwach war.

Magdeburg hat - bis auf die Verbindung Dresden-Köln - keinen regelmäßigen ICE-Anschluss. Warum?
Magdeburg ist auch mit dem Regionalverkehr sehr gut an die Bundeshauptstadt angebunden. Der Regionalexpress benötigt nur eine Fahrzeit von 1 Stunde und 41 Minuten und deckt dabei - anders als der ICE - auch noch die Unterwegs-halte ab. Zum Vergleich: Der ICE benötigte zwischen 1 Stunde und 20 Minuten bzw. 1 Stunde und 35 Minuten. In jedem Fall kann ich Ihnen versichern: Wir behalten die Nachfrage genau im Blick und richten unseren Fahrplan danach aus.

Nach der Marktöffnung im Fernbusverkehr können Ihre Kunden statt Bahn zu fahren auch auf Buslinien umsteigen. Magdeburg und Halle werden inzwischen von zwei großen Anbietern angefahren. Ist die künftige Herausforderung der Deutschen Bahn, die Fahrgäste bei der Stange zu halten?
Für uns ist die erste Herausforderung: Kunde, Kunde und noch mal Kunde. Es ist ganz einfach unser Brot- und Buttergeschäft; dazu gehört auch die ausreichende Finanzierung unserer Schieneninfrastruktur. Aber natürlich müssen wir uns auch in einem immer härteren Wettbewerb behaupten - Wettbewerb zwischen den Verkehrsträgern, aber auch Wettbewerb mit anderen Bahnen. Das heißt, wir müssen effizient und profitabel bleiben. Hier bereiten uns die steigenden Faktorkosten bei Personal und Energie Sorgen.

Was bereitet Ihnen als Vorstandsvorsitzender der Bahn noch Kopfzerbrechen?
Als einer der großen Arbeitgeber in Deutschland ist eine weitere Herausforderung der demografische Wandel und der Fachkräftemangel. Die DB muss ein attraktiver Arbeitgeber sein. Nur so können wir erfolgreich bleiben. Und schließlich werden Klima- und Naturschutz immer wichtiger. Wir müssen Mobilität so ressourcenschonend und klimaneutral gestalten, dass die Gesellschaft sie sich auch langfristig leisten kann. Daneben gibt es zahlreiche politische Herausforderungen. Ganz entscheidend ist, nicht nur für die DB, sondern für den gesamten Sektor, der Erhalt einer leistungsfähigen Infrastruktur.

In diesem Jahr gewährt der Bund für den Erhalt von Gleisen, Brücken und Signalen 2,75 Milliarden Euro. Ist das nicht genug?
Der aktuelle Finanzierungsrahmen für die Schieneninfrastruktur reicht nicht aus, um die Qualität und Verfügbarkeit des Netzes auf dem Niveau zu halten, wie es die wachsende Nachfrage insbesondere im Schienengüterverkehr erfordert. Pro Jahr fehlen uns zum Erhalt von Gleisen, Brücken, Signalen und so weiter 1,2 Milliarden Euro. Wir wollen und müssen das sehr gute Schienennetz von heute hegen und pflegen, damit es so bleibt und sich nicht verschlechtert. Das ist oberste Priorität!

Mit welchem Konzept wollen Sie diese Herausforderungen bewältigen?
Unsere Antwort auf diese Herausforderungen ist unsere Strategie "DB2020": profitabler Marktführer mit Schwerpunkt auf Kundenzufriedenheit und Qualität, Top-Arbeitgeber und Umweltvorreiter - das sind unsere Zielmarken. Wichtig ist, dass wir die Dimensionen Ökonomie, Soziales und Ökologie in Einklang bringen. Das verstehen wir unter Nachhaltigkeit, und wir sind überzeugt, dass wir auf diese Weise langfristig Erfolg haben werden.

Eine große Aufgabe wird der Umgang mit den Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Verkehr sein. Die Bevölkerung jenseits der 60 Jahre wächst. Barrierefreiheit der Haltestellen, umsteigefreie Verbindung und einfacher Fahrscheinkauf sind nur einige Anforderungen, die diese Generation in ihrer Mobilität mit sich bringt. Inwieweit sieht sich die Bahn dem gerüstet?
Natürlich stellen wir uns darauf ein, dass unsere Kunden immer älter werden und dabei ihre Mobilität nicht aufgeben möchten. Deshalb unternehmen wir seit Jahren große Anstrengungen, um auch mobilitätseingeschränkten Menschen selbstbestimmtes Reisen zu ermöglichen. Dabei gilt: Die Zielgruppe ist sehr heterogen und die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Diese Themen diskutieren wir auch sehr intensiv mit unserem Kundenbeirat. Das ist ein Gremium, das seit über zehn Jahren besteht und alle Altersgruppen unserer Kunden abdeckt.

Sie gelten als ein Mann, der Trends erkennt. Ließen Sie deswegen einige Ihrer Mitarbeiter im vergangenen Jahr auch in einen Alterssimulationsanzug schlüpfen?
Um die praktischen Bedürfnisse mobilitätseingeschränkter Reisender besser zu verstehen, kam im vergangenen Jahr dieser sogenannte "Age-Explorer" an Bahnhöfen zum Einsatz. Der "Age-Explorer" simuliert durch Gewichte, einem speziellen Helm und Handschuhen gleichzeitig auch typische Begleiterscheinungen des Alters wie schwindende Kraft oder eingeschränktes Hör- und Sehvermögen. Mitarbeiter waren in diesen speziellen Anzügen an Bahnhöfen unterwegs, um die natürlichen Einschränkungen in der Sicht- und Bewegungsfähigkeit zu erfahren und Verbesserungen abzuleiten.

Auf dem Weltverkehrsforum in Leipzig wird über die Verkehrskonzepte der Zukunft gesprochen. Inwiefern können Sie als Konzernchef aus so einer Veranstaltung Erkenntnisse ziehen?
Die Konferenz des Weltverkehrsforums hat sich zu einem jährlichen Expertentreffen des internationalen Verkehrssektors entwickelt. Der Austausch mit Kollegen und Entscheidungsträgern aus anderen Ländern ist natürlich immer sehr interessant. Vor allem aber werden bei diesem Treffen jedes Jahr die großen verkehrspolitischen Herausforderungen öffentlich adressiert und in eine internationale Perspektive gerückt.

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