Berlin (dpa) l Die Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll in Deutschland beginnt von vorn. Am Donnerstag nahm eine beim Bundestag angesiedelte 33-köpfige Fachkommission ihre Arbeit auf, die bis 2016 die Kriterien für die Suche erarbeiten soll. Grund sind Zweifel am seit 1977 als einzige Option im Fokus stehenden Salzstock Gorleben.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) appellierte, Empfehlungen mit größtmöglicher Mehrheit zu treffen. Dann wachse die Wahrscheinlichkeit, dass der Gesetzgeber diese umsetze - geplant ist, dass das Endlagergesetz entsprechend überarbeitet wird. Er mahnte, nicht jahrelang in der Kommission zu beraten. "Auch bei komplexen Fragestellungen wächst die Wahrscheinlichkeit nicht mit der Dauer der Beratungen." Wenn es zu diesem Thema einen breiten gesellschaftlichen Konsens gäbe, "hätten wir diese Kommission nicht gebraucht", betonte Lammert.

Atommüll-Endlager bis 2031 finden

In der Kommission sitzen je acht Bundestagsabgeordnete, acht Ländervertreter (unter ihnen Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, CDU), acht Wissenschaftler und acht Vertreter der Zivilgesellschaft, darunter Gorleben-Befürworter und Gegner. Nur die 16 Vertreter aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft sind stimmberechtigt. Durch eine Festlegung auf bestimmte infrage kommende Wirtsgesteine, etwa Salz und Ton, könnte der Suchraum eingeengt werden - besonders in Norddeutschland liegen viele mögliche Endlagerregionen.

"Wollen wir den gemeinsamen Erfolg, das ist die Frage, die über allem steht", sagte die frühere Parlamentarische Umwelt-Staatssekretärin Ursula Heinen-Esser (CDU), die im Wechsel mit Michael Müller (SPD) den Vorsitz der Endlager-Kommission hat. Angesichts der jahrelangen Grabenkämpfe betonte sie: "Lassen Sie uns diese historische Chance gemeinsam wahrnehmen." Man brauche ein Grundvertrauen zueinander und müsse einander zuhören. Wegen Differenzen hatte sich der Start der Kommission um fünf Monate verzögert.

Bis 2031 soll ein Endlager gefunden sein. Nachdem in Gorleben schon 1,6 Milliarden Euro investiert worden sind, wird mit Kosten von mindestens zwei Milliarden Euro für die Suche gerechnet. Auch Gorleben bleibt bei der neuen Suche im Rennen, weshalb mehrere Umweltverbände, darunter Greenpeace, den Neuanfang boykottieren.

Endlager-Option in Sachsen-Anhalt

Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, rechnet damit, dass ein Endlager für hoch radioaktiven Müll frühestens 2050 betriebsbereit ist. "Das wäre sehr ambitioniert", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Alle früheren Zeitvorstellungen haben sich als falsch erwiesen."

Kommissionsmitglied Ulrich Kleemann rechnet mit einem Aus für Gorleben aus wissenschaftlichen Gründen, wie der Wissenschaftler der "Rhein-Zeitung" sagte. Er geht davon aus, dass Niedersachsen gleichwohl in der engeren Auswahl bleiben werde. Als eine Option nannte er Tonvorkommen, die sich von Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen und Sachsen-Anhalt bis Brandenburg erstrecken, sowie in Süddeutschland, vor allem in Baden-Württemberg. Hinzu kämen Salzgesteine in Norddeutschland und Kristallinvorkommen in Bayern und Sachsen.

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