Vergnügt schreitet Frank-Walter Steinmeier nach dem deutschen WM-Erfolg am Donnerstagabend nicht etwa aus dem Kiewer Präsidentenpalast oder der Tuchhalle von Ypern, wo gerade der EU-Gipfel tagt. Der Bundesaußenminister kommt aus dem Rathaus von Magdeburg - dort hat er mit Oberbürgermeister Lutz Trümper vor dem Bildschirm gesessen.

Grund der Magdeburg-Visite ist freilich ein anderer: Der bekennende evangelische Christ, der 2019 Präsident des Kirchentages sein wird, spricht in der ordentlich gefüllten Johanniskirche zum 490. Jahrestag der Einführung der Reformation in Magdeburg. An jenem Ort, an dem Martin Luther am 26. Juni 1524 mit seiner Predigt das Signal zur Abkehr der Stadt von der Papstkirche gab.

Steinmeier redet eine Stunde darüber, was die Reformation für ihn mit Politik zu tun hat, über das tägliche Einmischen in den Gang der Dinge als Christ und Minister. Dabei gibt es für den Sozialdemokraten vier Grundsätze: "Überzeugungen haben und dazu stehen, Verantwortung tragen, seine Grenzen kennen und Vielfalt akzeptieren."

Die durch die Reformation gewonnene Freiheit von einer doktrinären Obrigkeit bedeute, Verantwortung zu übernehmen für die Welt und die Menschen, die in ihr leben. Doch weil am Pult kein Kirchentheoretiker, sondern der deutsche Außenminister steht, übersetzt Steinmeier das Grundsätzliche ins praktische Krisengeschehen, von dem sich viele Deutsche nur noch resigniert abwenden.

"Schon froh über eine weitere Woche Waffenstillstand in der Ukraine."

Das Stichwort dieser Wochen und Monate dafür heißt Ukraine. Hier sei es mit kleinen Schritten gelungen, das tiefste Tal zu verhindern: "Ich bin schon froh, wenn es wenigstens eine weitere Woche Waffenstillstand geben wird."

Dazu liefert er eine aktuelle Episode vom Dienstag dieser Woche: Steinmeier sitzt mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Kiew zusammen, als die Nachricht kommt, dass Putin die Duma zur Rücknahme der Interventionsvollmacht aufgefordert habe. Große Erleichterung bei Poroschenko. Als Steinmeier Stunden später in Berlin aus dem Flugzeug steigt, erfährt er, dass gerade ein ukrainischer Hubschrauber abgeschossen wurde. Steinmeier: "Wir müssen mit Rückschlägen leben."

Gleichfalls in Afghanistan. Doch bilanziert der Außenminister auch die Fortschritte am Hindukusch, die durch die internationale Intervention erreicht wurden: neue Straßen, Brunnen und Schulen. Zehn Millionen Kinder gingen heute in Afghanistan zur Schule. Davon 40 Prozent Mädchen - unvorstellbar unter der Taliban-Herrschaft.

"In Syrien wird Stellvertreterkrieg um Macht in arabischer Welt geführt."

In der Außenpolitik gebe es kein Schwarz-Weiß-Schema, erläutert der SPD-Politiker am syrischen Beispiel. "In Syrien wird ein Stellvertreterkrieg um die Herrschaft in der arabischen Welt zwischen Schi-iten und Sunniten geführt." Bei dieser Brisanz solle man nicht vorschnell nach militärischen Lösungen rufen.

Bei aller verbreiteten Verzweiflung über Krisen und Kriege ist Steinmeier sicher: "Es lässt sich etwas bewegen mit Augenmaß, Geduld und Geradlinigkeit." Das heißt: Diplomatie geht immer vor Militärschlag.

Weil dies Steinmeiers Prämisse ist, hat es ihn furchtbar geärgert, dass er jüngst auf dem Alexanderplatz als Kriegstreiber beschimpft wurde. Der sonst besonnene Politiker explodierte - und ein Youtube-Mitschnitt dieses Ausbruchs wurde zu einem Hit im Internet.

In der Johanniskirche geht es dagegen gesittet zu. Der Minister streichelt gar die Seele des Publikums, als er Magdeburg als einen der Brennpunkte der Reformation würdigt: "Hier spielte sich Weltgeschichte ab." Steinmeier sagt aber auch: "Magdeburg weiß, was Krieg bedeutet." Denn die erste Zerstörung der Stadt war eine Folge des Mutes, den die Einwohner mit dem Bekenntnis zum reformierten Glauben aufbrachten. Sie mussten furchtbar büßen: Gut 100 Jahre nach Luthers berühmter Predigt überrannten Tillys kaiserlich-katholische Truppen die Stadt und ließen fast nichts von ihr übrig. Für Steinmeier ist jedoch klar: "Ohne Mut geht Geschichte nicht voran."

Einem Politiker kann nichts Besseres passieren, als dass ihm die Leute abnehmen, was er sagt. Bei Frank-Walter Steinmeier ist das offensichtlich der Fall: Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Forsa-Umfrage wünschen sich 40 Prozent der Deutschen den Außenminister als nächsten Kanzler nach Angela Merkel. An der christdemokratischen Amtsinhaberin war er 2009 als SPD-Kandidat gescheitert.

Steinmeiers trockener Kommentar zur Volksstimme: "Ich beklage mich nicht über gute Umfragewerte. Ich frage mich nur, was das ein halbes Jahr nach Beginn der Legislaturperiode soll."