München - Kritik an seinem Führungsstil hat CSU-Chef Seehofer bislang immer abgewehrt. Doch nach dem schlechten Europawahl-Ergebnis und Kritik von Parteifreunden ist Seehofer in die Defensive geraten. Er reagiert mit Zugeständnissen.

Nach der Schlappe bei der Europawahl und scharfer interner Kritik will CSU-Chef Horst Seehofer seinen Führungsstil ändern. Nach einer neunstündigen Sitzung des CSU-Vorstands kündigte der bayerische Ministerpräsident an, sich künftig bei allen wichtigen Themen intensiv mit den Parteifreunden abstimmen zu wollen. "Ich habe deutlich mehr Zeit für den Dialog."

Viele CSU-Vorstandsmitglieder empfanden Seehofers Führungsstil bislang als autoritär. Offen ausgesprochen hatte das nach der Europawahl der frühere Parteivorsitzende und langjährige Seehofer-Rivale Erwin Huber. Eine Revolte gegen Seehofer will die CSU-Spitze nicht. Bei den turnusmäßigen CSU-Vorstandswahlen im Herbst 2015 möchte Seehofer wieder als Vorsitzender antreten.

"Wenn Sie so wollen, hat sich auch bei mir etwas verändert", sagte Seehofer nach der Sitzung zu den Journalisten. Seehofer will insbesondere in der Außen- und Sicherheitspolitik auf das Gespräch setzen. Die Phase der wilden Attacken auf die EU-Kommission, die vor allem von CSU-Vize Peter Gauweiler kamen, soll der Vergangenheit angehören.

Bei der Europawahl hatte die CSU mit 40,5 Prozent das schlechteste Ergebnis bei einer überregionalen Wahl seit 60 Jahren eingefahren. Die CSU werde bei ihrem "Ja, aber" zur EU bleiben, sagte Seehofer - doch das Bekenntnis zu Europa und Kritik will Seehofer nun "durch Dialog sauber ausbalancieren".

Schon vor der Sitzung war klar, dass Seehofer nicht mehr mit widerspruchsloser Gefolgschaft der CSU-Spitze rechnen kann. So gab der Parteichef die Überlegung auf, den Übergangs-Fahrplan bis zu seinem geplanten Abschied 2018 jetzt schon formell beschließen zu lassen.

Die CSU-Spitzenkandidaturen für die Bundestagswahl 2017 und die Landtagswahl 2018 sollen nach Seehofers Vorstellung jeweils ein Jahr zuvor geklärt werden, womit er offenbar vorzeitige Personaldebatten vermeiden wollte. Der Plan stieß bei mehreren CSU-Spitzenpolitikern auf Skepsis. "Dafür sehe ich keinen Anlass", sagte etwa die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt. Um den Terminplan soll sich nun der CSU-Vorstand nach dem Parteitag im Herbst 2015 kümmern.

Der EU-Kritiker und Parteivize Peter Gauweiler verliert an Einfluss, er musste sich offene Kritik der Pro-Europäer anhören. "Er vertritt leider Gottes nur selten CSU-Gesamtpositionen", monierte der Europa-Abgeordnete und EVP-Fraktionschef Manfred Weber.

Als Gauweiler in der Sitzung seine Ablehnung der Euro-Rettung bekräftigte und EZB-Präsident Mario Draghi angriff, fuhr laut Teilnehmern Ex-Parteichef Edmund Stoiber wütend dazwischen: "Das ist absoluter Unsinn!" Gauweiler hatte schon vor der Sitzung angekündigt, bei seiner brüssel-kritischen Haltung bleiben zu wollen - "sofern ich nicht umgebracht werde", scherzte er. Seinen Vizeposten aufgeben soll Gauweiler aber nicht. "Die CSU steht zusammen, da wird es auch keine personellen Konsequenzen geben", sagte Seehofer schon vor Beginn.

Sowohl vor als auch während der Vorstandssitzung forderten mehrere CSU-Spitzenpolitiker ein Ende der wechselseitigen parteiinternen Angriffe. "Wir sollten das gegenseitige Abwatschen möglichst schnell einstellen", forderte Hans Michelbach, der Vorsitzende der Mittelstands-Union.

Während der Sitzung verlangten nach Teilnehmerangaben weitere Vorstandsmitglieder ein Ende der öffentlichen Seehofer-Kritik - darunter Amtsvorgänger Stoiber, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Landtags- Präsidentin Barbara Stamm. Die herausragende Leistung Seehofers werde durch die Europawahl nicht geschmälert, sagte demnach Herrmann.

Trost für Seehofer und die CSU insgesamt spendete das Umfrageinstitut Infratest dimap: Derzeit seien 50 Prozent der bayerischen Bürger und 89 Prozent der Anhänger mit der Arbeit der CSU zufrieden, berichtete Infratest-Chef Reinhard Schlinkert nach Teilnehmerangaben. Mit Seehofer persönlich zufrieden seien 54 Prozent der Bayern und 86 Prozent der CSU-Wähler.