Suhl (dpa/cm) | Hunderte Kilometer ist der Mann aus Siegburg bei Bonn gefahren, um in Thüringen einen Motorroller aus DDR-Produktion zu erstehen. Nun ist seine "Schwalbe" porscherot lackiert "und ein richtig hübsches Vögelchen", das er Freunden gern vorführt. Mit seinem "Schwalbentick" ist der Nordrhein-Westfale nicht allein: Die DDR-Zweiräder, die in den Simson-Werken im südthüringischen Suhl gebaut wurden, haben es seit der Wiedervereinigung in Ost- und Westdeutschland zum Kultstatus gebracht. Ihr Produktionsstart vor einem halben Jahrhundert soll an diesem Wochenende in Suhl gebührend gefeiert werden.

Tausende Schwalben, aber auch andere DDR-Gefährte mit Vogelnamen wie Star oder Sperber der Suhler Simson-Werke sind lange nach dem Aus des DDR-Zweiradherstellers noch auf den Straßen zu finden. "Sie rollen und rollen, weil sie sich gut reparieren lassen", heißt es bei Fachhändlern in Sachsen-Anhalt ebenso wie in Baden-Württemberg. Wie viele Oldtimerschwalben noch fahrbereit sind, kann jedoch weder der Chef des Suhler Fahrzeugmuseums, Joachim Scheibe, noch der Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes in Bonn sagen.

Der Grund: Die kleinen Gefährte, die durch den Ersatzteilbedarf auch zum Wirtschaftsfaktor werden, müssten zwar versichert, aber nicht zugelassen werden. Die MZA Meyer-Zweiradtechnik GmbH, die nach Angaben ihres Marketingmannes Marc Frömberg in den 1990er Jahren die Lizenz an der Marke Simson sowie technische Zeichnungen und Maschinen gekauft hat, geht von einer halben Millionen fahrbereiten Simson-Zweirädern aus.

Riesige Nachfrage auch heute noch

"Wir produzieren und verkaufen jährlich so viele Ersatzteile, dass sich damit theoretisch etwa 12.000 Simson-Zweiräder bauen ließen", berichtet Frömberg. Die MZA GmbH, vom gebürtigen Sachsen Falko Meyer 1993 gegründet, hat ihren Hauptsitz im vergangenen Jahr von Vellmar bei Kassel nach Suhl verlegt.

Produziert würden Ersatzteile vom Motor bis zur Sitzbank. Die Firma beschäftige 50 Mitarbeiter, in der Zweiradsaison seien es 70. "Wir verzeichnen stetiges Wachstum", sagt Frömberg. Während Schwalbe und Co. zunächst vor allem im Westen Fans fanden, seien sie inzwischen auch im Osten wieder gefragt. "Die Fahrzeuge haben früher die Eltern gefahren, jetzt ihre Kinder."

Dass vor allem junge Leute auf die kleinen Roller mit Sitzbank und Spritzschutz für Frauenbeine abfahren, liegt an einer Besonderheit: Mit seinen bis zu 3,7 PS ist der kleine Roller im Gegensatz zu anderen Gefährten seiner Klasse mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde unterwegs. Diese Sonderregelung wurde nach der Wiedervereinigung getroffen. Sie gilt für Roller, die vor Februar 1992 erstmals zugelassen wurden – und damit alle Schwalben.

Ihr 50. Geburtstag wird am Samstag und Sonntag in Suhl groß gefeiert. Das Fest in der Südthüringer Stadt, wo rund ein Million des DDR-Klassikers von 1964 bis 1985 gebaut wurde, organisiert der rührige Chef des Fahrzeugmuseums mit Helfern. Joachim Scheibe, zeitweise Chefkonstrukteur bei Simson, erwartet mehr als 1000 Schwalbefahrer mit ihren Gefährten und Vertreter von etwa 50 "Schwalbeclubs" von Bremen bis München.

Wie sieht die Zukunft aus?

Es werde auch daran erinnert, dass die Schwalbe in der DDR eher als "Alltagsgefährt" für Gemeindeschwestern, Bäuerinnen und Abschnittsbevollmächtigte der Polizei (ABV) diente. Während des Fests könnten Besitzer ihre Oldtimer fachkundig bewerten lassen. "Jeder kann sich mit seinem Fahrzeug anmelden."

Das Simson-Werk mit zuletzt etwa 3500 Arbeitnehmern war Anfang der 1990er-Jahre von der Treuhand geschlossen worden. Danach hatte es mehrere gescheiterte Anläufe gegeben, die Zweiradproduktion in Suhl wiederzubeleben.

Der Versuch einer baden-württembergischen Firma, eine Elektro-Schwalbe im Retrolook auf den Markt zu bringen, scheint gescheitert. Bei der Firma, die in den vergangenen zwei Jahren in Suhl einzelne Prototypen auf die Beine stellte, geht derzeit niemand mehr ans Telefon. "Von der E-Schwalbe haben wir leider nichts mehr gehört", heißt es auch bei den Verantwortlichen für Wirtschaftsförderung der Stadt Suhl.

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