München - Eine der bekanntesten und umstrittensten Figuren der deutschen Neonazi-Szene soll ab Dienstag als Zeuge im Münchner NSU-Prozess aussagen: Tino Brandt, der Gründer des "Thüringer Heimatschutzes", aus dessen Umfeld der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) hervorgegangen sein soll.

An seiner Person entzündet sich auch die Frage, welche Rolle der Verfassungsschutz beim Aufbau des NSU gespielt haben könnte. Das Gericht hat alle drei Verhandlungstage dieser Woche für den Zeugen reserviert.

Anders als fast alle anderen Zeugen wird er den Gerichtssaal nicht vom Flur aus betreten, sondern durch eine separate Tür zur Sicherheitszone, in der sich ein Wartezimmer für Untersuchungshäftlinge befindet. Brandt war vor wenigen Wochen festgenommen worden, allerdings nicht im Zusammenhang mit seiner Rolle im NSU-Komplex, sondern wegen des Verdachts, minderjährige Jungen missbraucht zu haben.

Ende der 1990er Jahre war Brandt nach Einschätzung seiner damaligen V-Mann-Führer beim Thüringer Verfassungsschutz die wichtigste Quelle in der rechtsextremen Szene. "Er war unheimlich kooperativ", hatte einer seiner Führungsbeamten als Zeuge im NSU-Prozess ausgesagt. Ein anderer nannte ihn einen "überzeugten Neonazi". Brandt habe, wie fast alle V-Leute, an einem "Verräterkomplex" gelitten. "Den haben wir ihm versüßt, in dem wir ihn gut bezahlt haben", sagte der Beamte. Im ganzen soll Brandt mindestens 200 000 Mark erhalten haben.

Einen wesentlichen Teil davon hat er nach Einschätzung der Geheimdienstler in den Aufbau seines Netzwerks investiert. "Er dachte, er könne mit uns ein Spiel treiben", sagte der V-Mann-Führer. Offen bleibt bisher, ob ihm das tatsächlich gelang. Brandt selber erzählte dem Neonazi Thorsten Heise Jahre später in einem von Heise heimlich aufgezeichneten Gespräch, die Informationen, die er dem Verfassungsschutz meldete, "die hätte zu neunzig, fünfundneunzig Prozent jeder erfahren können".

Mit Brandts Hilfe hatte der Geheimdienst auch versucht, das Versteck des untergetauchten NSU-Trios Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ausfindig zu machen. Zu diesem Zweck wurde Brandts Auto "mit Verfolgungstechnik des BKA ausgerüstet", wie einer der V-Mann-Führer aussagte. Brandt sei es auch gelungen, einem Gesinnungsgenossen "das Auto unterzujubeln". Jener habe sich aber "verfolgt gefühlt", weshalb die Aktion gescheitert sei.

Fragen wirft auch ein Vermerk auf, den ein Beamter des Bundesamtes für Verfassungsschutz im Jahr 1997 schrieb und der in der Prozessakte enthalten ist. Zu dieser Zeit war Brandt mutmaßlicher Anführer einer Gruppe namens "Anti-Antifa Ostthüringen". Diese Gruppe sollte die Arbeit der unterschiedlichen "Kameradschaften" koordinieren.

Der Geheimdienstvermerk enthält die Aussage: "Der bisher gebräuchliche Name/Bezeichnung ANTI-ANTIFA OSTTHÜRINGEN wird überdacht." Wenig später benannte sich die Gruppe tatsächlich um in "Thüringer Heimatschutz". Warum sie das tat und ob sie damit dem Verfassungsschutz folgte, ist bis heute nicht geklärt. Diese Frage gehört zu denen, denen sich Brandt diese Woche wohl stellen muss.