Marienborn (dpa) l Es herrscht viel Sprachlosigkeit, aber auch viel Interesse. Am ehemals größten deutsch-deutschen Grenzübergang Marienborn sollen Schüler aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt im Jahr 25 nach der Wende Geschichte ergründen. Allesamt sind weit nach der Grenzöffnung geboren, zumeist kurz vor der Jahrtausendwende. An dem Ort, der für die allermeisten DDR-Bürger überhaupt nicht erreichbar war und für dessen Abschaffung sie vor 25 Jahren auf die Straße gingen, führen am Montag Schüler Gleichaltrige über das Gelände der heutigen Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn direkt an der Autobahn 2.

Die beiden Helmstedter Schüler Nele Schröder und Merlin Thörmann, beide 16 Jahre alt, sind binnen einer Woche zu Schülerlotsen geworden und erklären heute Gleichaltrigen im Schnelldurchlauf den friedlichen Fall der DDR, Montagsdemonstrationen, die Fluchten über Ungarn, die Grenzöffnung. Es rutschen schon mal Sätze durch wie "Es gab ja nur eine Partei in der DDR" und "Keiner hatte so richtig ein Privatleben. Also, so ähnlich wie heute die NSA". Die 16-Jährigen erzählen von Passkontrollen, Schikanen, der vermutlich ersten DDR-Bürgerin, die 1989 hier ohne Passkontrolle die Grenze überquerte.

Schröder und Thörmann fragen die Gleichaltrigen: "Was verbindet ihr mit dem Datum 1989?" Schweigen. Manche aus der etwa 15-köpfigen Gruppe werfen den beiden Schülerlotsen Brocken hin wie "Montagsdemonstrationen" und "Grenzöffnung", ein Junge sagt "Freiheit". Nicht alle 16-Jährigen haben das Thema im Geschichtsunterricht schon behandelt. "Wir sind gerade dabei, wie die DDR entstanden ist", sagt ein Schüler.

Ende der DDR-Welt für viele Schüler nicht vorstellbar

Zu Beginn dieses gemeinsamen Projekttags mit insgesamt rund 200 Schülern hatten die beiden Kultusminister von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Frauke Heiligenstadt und Stephan Dorgerloh, betont, wie wichtig das Thema ist. Schüler müssten häufiger an authentische Orte fahren und dort Geschichte erkunden. Besonders in Marienborn könnten die Schüler erfahren, dass hier für viele Menschen die Welt zu Ende war.


"Das ist für viele dieser Generation gar nicht vorstellbar." 25 Jahre Friedliche Revolution sei eine gute Gelegenheit, zu zeigen, dass Demokratie nur gelingt, wenn viele dafür einstehen. Auch der Leiter der Gedenkstätten-Stiftung Sachsen-Anhalt, Kai Langer, versucht den Jugendlichen nahezubringen: "Geschichte ist offen und es liegt an jedem selber, in welche Richtung sie sich entwickelt." Langer berichtet den Schülern, wie er 1989 als 20-Jähriger bei der Marine der DDR diente und darauf vorbereitet wurde, sein Vaterland zu verteidigen. Er lässt seinen damaligen Dienstausweis herumgehen. Hätte er tatsächlich geschossen, fragt ein Schüler. Hatte er Angst vor Ausspitzelung in der DDR? Langer wird als Zeitzeuge befragt.

Und Langer fragt zurück: Spielen Grenzen für euch heute noch eine Rolle? Wieder Schweigen, bis sich ein Schüler meldet. Er war gerade zum Schüleraustausch in China, Geld oder Gesundheit spielten heute die große Rolle. In der Familie werde heute abgestimmt, wohin es in den Urlaub geht. Welche Grenzen dazwischen sind, ist eigentlich egal.