Gütersloh - Für eine hochwertige frühkindliche Bildung benötigen die Kitas in Deutschland einer Studie zufolge 120 000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher. Das würde jährlich fünf Milliarden Euro kosten und die Personalkosten in dem Bereich um ein Drittel erhöhen, hat die Bertelsmann Stiftung berechnet.

Die Analyse belegt außerdem ein starkes West-Ost-Gefälle beim Personalschlüssel. Darum müsse es bundesweit geltende Qualitätsstandards geben, forderte Jörg Dräger vom Stiftungsvorstand. Auch Sozialverbände und Gewerkschaften forderten ein Bundes-Kita-Gesetz.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) erklärte in Berlin, gemeinsam mit allen Beteiligten müsse überlegt werden, wie Erzieherinnen und Erzieher besser unterstützt werden könnten. "Das heißt, auch Länder, Kommunen und Träger müssen in die Entwicklung von Standards mit eingebunden werden. Das gehen wir jetzt an", sagte Schwesig. Für den Herbst sei eine Konferenz zur Kindertagesbetreuung geplant.

Der Bertelsmann-Studie zufolge muss sich in Ostdeutschland rechnerisch ein Erzieher um 6,3 Krippenkinder kümmern. Im Westen kommen im Durchschnitt 3,8 Kinder auf einen Erzieher. In Bremen und Baden-Württemberg ist ein Erzieher durchschnittlich für drei Kinder zuständig, in Sachsen-Anhalt hingegen für mehr als sechs Kinder.

Ähnlich groß sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern auch in Kitas für Kinder ab drei Jahren. Hier liegt der Personalschlüssel im Westen bei 1 zu 9,1 und im Osten bei 1 zu 12,7. Vorzeigeländer sind erneut Bremen (1 zu 7,7) und Baden-Württemberg (1 zu 8). Am anderen Ende steht Mecklenburg-Vorpommern (1 zu 14,9).

In der Praxis sei das Betreuungsverhältnis sogar noch ungünstiger, hieß es. Tatsächlich könne ein Erzieher nur 75 Prozent seiner Zeit für die Kinder aufwenden, der Rest entfalle auf Teamgespräche, Fortbildung und Urlaub. Damit betreue ein Beschäftigter im Osten also mindestens acht und im Westen fünf Krippenkinder.

Für eine kindgerechte und pädagogisch sinnvolle Betreuung fordert die Stiftung, dass bei den unter Dreijährigen ein Erzieher für höchstens drei Kinder verantwortlich ist. Für die Altersgruppe ab drei Jahren sollte der Personalschlüssel nicht schlechter als 1 zu 7,5 sein. "Politik und Praxis sollten sich auf bundesweite kindgerechte Standards einigen, damit alle Kita-Kinder in Deutschland gute Bildungschancen haben", sagte Stiftungsvorstand Dräger.

Nach Ansicht der Gewerkschaft GEW müssten in einem Bundes-Qualitätsgesetz vor allem bessere Personalschlüssel, die Freistellung der Leitungskräfte vom Gruppendienst sowie die Vor- und Nachbereitungszeit geregelt werden. "Es ist weder gerecht noch verständlich, dass die Qualität in Kitas so offensichtlich vom Wohnort der Menschen abhängen", meinte der AWO-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Stadler. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht Bund und Länder in der Pflicht, "endlich mit Gewerkschaften und Trägern gemeinsam Standards zu entwickeln".

Der Deutsche Städtetag dagegen hält bundeseinheitliche Vorgabe für Personalschlüssel nicht für sinnvoll. Denn damit würde man den unterschiedlichen Konzepten und Rahmenbedingungen der Einrichtungen vor Ort nicht gerecht, sagte Hauptgeschäftsführer Stephan Articus dem Berliner "Tagesspiegel" (Samstag).

Seit 1. August 2013 haben Eltern von unter Dreijährigen einen Rechtsanspruch auf ein staatlich gefördertes Betreuungsangebot - entweder in einer Kindertagesstätte oder bei einer Tagesmutter. Es fehlen aber trotz Zuwachses vor allem im Westen in den vergangenen Jahren noch Plätze. Zum 1. März 2014 stand für knapp 662 000 Kinder unter drei Jahren ein Platz zur Verfügung. Das waren 32,5 Prozent der Kleinkinder in diesem Alter. Ursprünglich sollte es bis Inkrafttreten des Rechtsanspruchs 750 000 Betreuungsangebote geben.