Berlin - Das Betreuungsgeld wurde vor einem Jahr noch von der alten schwarz-gelben Bundesregierung eingeführt. SPD und Grüne hielten es von Anfang an für verfehlt - und sehen sich inzwischen bestätigt. Die CSU dagegen ist ganz anderer Auffassung.

Das vor einem Jahr eingeführte Betreuungsgeld für Kleinkinder schafft nach Meinung mehrerer Landespolitiker von SPD und Grünen falsche Anreize. "Studien zeigen, dass das Betreuungsgeld besonders attraktiv zu sein scheint für Familien, die eine gewisse Bildungsferne und einen Migrationshintergrund haben", sagte Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD). Ähnliche Kritik äußerten die Regierungsfraktionen von SPD und Grünen in Nordrhein-Westfalen. Bayerns Staatskanzleiministerin Christine Haderthauer (CSU) dagegen wies die Kritik an der Leistung vehement zurück.

Das umstrittene Betreuungsgeld war von der früheren schwarz-gelben Bundesregierung auf Betreiben der CSU eingeführt worden und hatte bereits damals breite Kritik hervorgerufen, in den anderen Parteien - selbst bei den Koalitionspartnern - ebenso wie in der Fachwelt. Seit 1. August 2013 erhalten Eltern, die für ihre Kleinkinder weder einen Kita-Platz noch eine staatlich geförderte Tagesmutter in Anspruch nehmen, vom 15. Lebensmonat bis zum dritten Lebensjahr monatlich 100 Euro. Ab 1. August 2014 gibt es dann 150 Euro.

Hamburgs Sozialsenator Scheele kritisierte, Kindern werde damit der Zugang zu frühkindlicher Bildung verwehrt. "Gerade bei der Sprachförderung zeigt sich, wie wertvoll die Betreuung und Bildung in einer Kita ist." Vor dem Bundesverfassungsgericht läuft noch eine Klage der Hansestadt gegen diese Familienleistung.

Nordrhein-Westfalens stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Britta Altenkamp klagte: "Wir haben von Anfang an gesagt, dass das Betreuungsgeld am Bedarf der Familien vorbeigeht." Die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Sigrid Beer, fügte hinzu: "Erwiesen ist auch, dass das Betreuungsgeld die Bildungsungleichheit verschärft und damit falsche Anreize setzt."

Aus Beers Sicht bestätigt sich die Befürchtung, "dass die Herdprämie das überholte familienpolitische Modell der Alleinverdiener-Familien unterstützt und nicht zu mehr Gleichberechtigung von Frauen und Männern beiträgt". Vor allem aber halte es genau diejenigen davon ab, ihren Nachwuchs in eine Kita zu geben, deren Kinder besonders von den dortigen Angeboten profitieren würden. So werde Monat für Monat allein in NRW eine Millionensumme in eine "bildungs- und sozialpolitisch verfehlte Maßnahme investiert", sagte Beer.

Haderthauer wies das scharf zurück. "Die Einschätzung, das Betreuungsgeld verschärfe die Bildungsungleichheit, ist eine Unverschämtheit gegenüber Eltern, die ihre Ein- und Zweijährigen selber betreuen. Gerade in diesem Alter ist es zentral wichtig, gelingende Bindungserfahrungen zu machen", sagte die CSU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. "Bei Ein- und Zweijährigen eine Besser-/Schlechter-Diskussion zwischen Elternzuwendung und Kita anzuzetteln, ist ein ideologischer Tiefschlag sondersgleichen gegen alle Eltern von Kleinkindern."

Im ersten Quartal 2014 bezogen nach Darstellung des Statistischen Bundesamtes 145 769 Bürger Betreuungsgeld für Kleinkinder. Am häufigsten wurde es in Bayern nachgefragt. Allein dort gab es 33 500 Bezieher dieser staatlichen Leistung.