Die Ausstellung

Mit knapp 60.000 Besuchern ist "1914-1918. Der Erste Weltkrieg" bereits jetzt die meistbesuchte Ausstellung des 1987 gegründeten Deutschen Historischen Museums in Berlin. Gezeigt wird sie im Neubau von Ieoh Ming Pei hinter dem Zeughaus, Unter den Linden 2.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. November. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, bis 18 Jahre frei. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr. Für 24,95 Euro gibt es den 240 Seiten starken Begleitband "Der Erste Weltkrieg in 100 Objekten".

Berlin l Die schneeweiße Uniform leuchtet, übersät von blitzenden Orden, der Brustpanzer schimmert golden. Stolz, mit hochgezwirbeltem Schnurrbart blickt der Kaiser auf die Besucher herab. Sein Helm ist gekrönt von einem weißen Adler -- es ist der Prunk des 19. Jahrhunderts, der einem gleich zu Beginn der Ausstellung entgegenschlägt. Kaum zu glauben: Dieser Operetten-Monarch ist der Oberbefehlshaber einer Armee, die schon bald einen unerhörten Krieg führt.

Einen Kampf mit allem, was Wissenschaft und moderne Technik aufbieten: Die ersten Panzer rollen über das Feld, Giftgasschwaden wabern über Schützengräben, Luftschiffe und Flugzeuge werfen Bomben ab. Das Grauen des modernen Krieges dämmert auf. Am Ende aller Schlachten wird der Kaiser, der die Uniformen so liebte, mit Schande verjagt. Imperien fallen in Trümmer, eine neue Ordnung der Welt entsteht.

Der Kaiser und der Zar sind Vettern. Doch das spielt keine Rolle mehr.

Am 1. August vor 100 Jahren erklärte Deutschland seinen Eintritt in den Krieg, der zum Weltenbrand wurde. Vor dem Jahrestag haben viele Museen ihre Depots durchforstet und die Fundstücke neu befragt, auf bislang übersehene Aspekte abgeklopft. Die wichtigste Ausstellung zum Thema zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin. Unter den Linden, im Neubau hinter dem Zeughaus, erhebt sie den Anspruch, auf 1100 Quadratmetern und mit 500 Exponaten die einzige Gesamtdarstellung zu bieten.

Immer wieder sind es Uniformen, die zum Betrachter sprechen. Da ist die deutsche Pickelhaube aus gepresstem Leder, ein Anachronismus aus der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Die Spitze war hilfreich bei Säbelhieben. Gegen Maschinengewehrfeuer und Granatsplittern aber waren die Soldaten schutzlos. Erst 1916 kam der deutsche Stahlhelm.

Ein Relikt einstiger Höflichkeiten ist auch die rote Galauniform, die der deutsche Kaiser als britischer Feldmarschall tragen durfte. Wilhelm, der russische Zar Nikolaus II. und der englische König Georg V. waren Vettern. Doch die über Jahrhunderte gewachsenen dynastischen Verflechtungen galten schon bald nichts mehr. Rivalisierende, aber doch wirtschaftlich, kulturell, freundschaftlich verbundene Länder wurden zu Todfeinden.

Eine Armenierin wankt durch die Wüste. Der erste Völkermord beginnt.

Wer wissen will, welches Gemisch aus irrationalen Gefühlen in die Katastrophe fühte, kann Christopher Clarks Bestseller "Die Schlafwandler" lesen. Oder er hört sich in der Ausstellung die Rede an, mit der der Kaiser sein Volk zum Kampf aufruft. Es ist die Rede eines Mannes, der wähnt, er sei zu kurz gekommen, ein umzingeltes Deutschland werde durch Ränke um seinen wohlverdienten Platz in der Welt gebracht. "Die Gegner neiden uns den Erfolg unserer Arbeit", spricht Wilhelms Stimme aus einem Lautsprecher von der Decke. Die heimliche Feindschaft aus Ost und West habe man ertragen. "Nun aber will man uns demütigen. Man verlangt, dass wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten. Darum auf zu Waffen!"

Der Krieg öffnet die Büchse der Pandora. Wer will, kann in den präsentierten Exponaten die vielen Entwicklungen suchen, die damals beginnen und unsere Welt bis heute prägen. Da ist die Kriegspropaganda, damals mit Plakaten und Postkarten ausgetragen, heute mit Videos im Internet. Da ist das mechanisierte, massenhafte und anonyme Töten, das den Kampf Auge in Auge verdrängt. Fotos von leichengefüllten Gräben zeigen die entsetzliche Wirkung von Gasangriffen. Neu ist auch die ungeheure Zahl an Kriegsgefangenen, für die eigene Lagersysteme entstehen. Das besetzte Osteuropa wird wirtschaftlich ausgeplündert, Zivilisten müssen Zwangsarbeit verrichten - der Krieg, der früher lokal ausgefochten wurde, erfasst wie ein Krake immer weitere Lebensbereiche.

Das Bild von den Kämpfen selbst entsteht im Kopf der Besucher. Das damals moderne Medium Fotografie kann allenfalls die Folgen zeigen, bombardierte belgische Städte, verwüstete Landschaft - die Gefechte hingegen können wegen der langen Belichtungszeit noch nicht aufgenommen werden. Künstler füllen die Leerstelle. Eines der berühmtesten Bilder, Otto Dix` Triptychon "Der Krieg", entsteht erst nach jahrelangen Vorarbeiten, von denen gerade eine Ausstellung im Dresdner Albertinum erzählt.

Immer wieder deuten Ausstellungsstücke gewaltige Umbrüche an. Ein Foto zeigt Arbeiterinnen in der Munitionsfabrik - massenhaft eroberten Frauen eine neue Rolle in Familie und Gesellschaft, die sie meist nicht mehr aufgeben. Ein anderes Bild zeigte eine Armenierin, die erschöpft durch die Wüste wankt und ihr Kind an sich drückt; nur durch den Ausnahmezustand des Weltkriegs wird im Osmanischen Reich der erste systematische Völkermord des Jahrhunderts möglich. Der Krieg, so formulierte es Heraklit, ist der Vater aller Dinge.

Am Ende der Ausstellung künden historische Zeitungen vom Sieg der Revolution. Mo-narchien danken ab, neue Staaten entstehen, aus dem Reich der Romanows entsteht das Sowjetimperium, dessen Zerfall heute wieder längst überwunden geglaubte Machtpolitik und Großmannssucht auf den Plan ruft.

"Ach Lieb!", klagt der Frontsoldat August Stramm in einem Brief an seine Frau. Aus seiner Kompanie haben nur wenige überlebt, "alles andere tot, gefallen, verwundet... Ach Lieb, es ist alles so furchtbar und doch so groß!" Es war sein letzter Brief. Else Stramm sah ihren Mann nie wieder.

 

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