Heute wird in manchen Büros privat telefoniert, gechattet und gesurft, als befänden sich die Angestellten zuhause. Wie viel Arbeitszeit hierdurch verloren geht, ist vielen Mitarbeitern nicht klar.

Lutz Knoffler, Inhaber eines Architekturbüros mit neun Mitarbeitern, war irritiert. Fast jedes Mal, wenn er am Wochenende oder in den späten Abendstunden nochmals ins Büro kam, saß dort der neue Statiker. Trotzdem hielt der fast alle Termine nicht ein. Zugleich stieg die Rechnung von Knofflers Firmenhandy in astronomische Höhen. Und dann legte ein Virus die IT lahm.

Privatkram frisst mehr Arbeitszeit als gedacht

Knoffler betrieb Ursachenforschung. Des Rätsels Lösung: Während seiner "Nacht- und Wochenendarbeit" surfte der Statiker auf Porno-Seiten und telefonierte mit kostenpflichtigen Sex-Nummern. Knoffler entließ den Statiker. Denn er hatte keine Lust, für alle Mitarbeiter strikte Regeln für den Umgang mit Telefon und Internet zu erlassen und deren Einhaltung zu kontrollieren- "nur weil einer nicht zwischen beruflich und privat unterscheiden kann. Das hätte unser Betriebsklima ruiniert."

Ähnlich erging es Johann Tietz, Inhaber einer Werbeagentur. Lange war er mit der Leistung seiner Layouterin zufrieden. Doch dann registrierte er immer häufiger, wenn er ins Büro der Mitarbeiterin kam: Sie schließt hektisch das offene Fenster an ihrem PC. Anfangs dachte Tietz: Okay, die macht ein Computerspiel, das mache ich auch manchmal. Doch dann stellte er fest: Die Layouterin loggt sich in ihren heimischen PC ein und erledigt private Layoutaufträge. Mehrere fruchtlose Gespräche folgten. Also zog Tietz die Reißleine und entließ die Layouterin.

Insbesondere Kleinbetriebe kämpfen zunehmend mit dem Problem, dass Mitarbeiter am Arbeitsplatz chatten, surfen, simsen und per Handy telefonieren, als säßen sie auf dem heimischen Sofa. Denn was spricht dagegen, sich mal schnell bei "Facebook" einzuloggen und private Mails zu beantworten?

"Vieles", sagt Julia Voss, Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens Voss+Partner, Hamburg. Denn summiert man die Zeit, die manch Arbeiternehmer mit Computerspielen, privaten Mails und ähnlichen Tätigkeiten verbringt, kommt man schnell auf eine Stunde pro Tag. "Das sind 12,5 Prozent der Arbeitszeit. Das machen sich viele Arbeitnehmer nicht klar." Hinzu kommt: Jeder private Anruf und jede private Mail, die mal eben schnell gelesen werden muss, ist letztlich eine Störung. "Häufen sich diese, ist ein konzentriertes Arbeiten kaum noch möglich."

Fehlverhalten darf nicht zur Gewohnheit werden

"Schiebt dem Missbrauch der neuen Medien früh einen Riegel vor", empfiehlt denn auch Julia Voss Arbeitgebern. Sonst bekämen sie das Problem irgendwann nicht mehr in den Griff - wie Daniel Stenger. Für den Inhaber eines Ingenieurbüros war es früher selbstverständlich, dass seine Angestellten vom Büro aus auch mal ein, zwei private Telefonate führten. Denn er ging davon aus: Meine Mitarbeiter sind erwachsene Menschen, die wissen: "Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps."

Doch dann verwandelte "eine Umweltaktivistin" sein Büro in eine Art Verbandszweigstelle. "Wenn die Kröten wanderten, war meine Mitarbeiterin nicht ansprechbar", sagt Stenger sarkastisch. Was die Mitarbeiterin aber genau wusste: Um 17 Uhr sind acht Stunden um, und ich habe Feierabend. Dann verließ sie das Büro, egal was noch zu tun war - "selbst wenn sie tagsüber ausschließlich mit ihren Kröten beschäftigt war". Irgendwann reichte es Stenger. Die Mitarbeiterin musste die Koffer packen. "Doch ganz habe ich das Problem noch nicht im Griff", gesteht er - "weil sich in meinem Büro ein Generationswechsel vollzogen hat und die jungen Leute eine andere Arbeitseinstellung haben."

Es bringt nichts, als Chef wegzuschauen

Ähnliche Klagen hört man oft von Inhabern von Klein- und Mittelunternehmen. Auf keinen Fall wollen sie aber ihren Namen in der Zeitung lesen - aus Angst, sie könnten als "kleinkariert" gelten. Genau dieses Wegducken führt aber laut Führungskräftetrainer Hubert Hölzl aus Lindau dazu, dass das Fehlverhalten oft ausufert - und zwar so weit, dass nur noch Abmahnungen und Kündigungen helfen. Sinnvoller wäre es, "den Stier frühzeitig bei den Hörnern zu packen und mit den Mitarbeitern Regeln für den Umgang mit den neuen Medien zu vereinbaren - und zwar schriftlich."

In Großunternehmen sind solche Regeln gang und gäbe - so zum Beispiel bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Auch beim Finanzdienstleister Allianz existiert ein Verhaltenskodex, der unter anderem den Umgang mit dem Handy regelt, teilt Allianz-Sprecherin Vera Werner mit. "Auch mit dem Internet haben wir keine Probleme." Vermutlich, weil in Großunternehmen die System-administratoren zumeist die Webseiten sperren, die primär dem "Privatvergnügen" dienen - auch aus Sicherheitsgründen.

Trotzdem gibt es auch hier schwarze Schafe. "Mit denen muss man halt sprechen", sagt Schwäbisch Hall-Sprecher Sebastian Flaith. Und wenn das nicht hilft? Dann kann es auch mal eine Abmahnung geben. Besser als zu solchen Mitteln zu greifen, ist es laut Flaith aber, "den Leuten frühzeitig zu vermitteln, welches Verhalten erwartet wird". Das tut Schwäbisch Hall zum Beispiel Jahr für Jahr in den Einführungswochen für die neuen Auszubildenden. "Denn von denen kann man nicht erwarten, dass sie die Regeln am Arbeitsplatz schon kennen."