Berlin - Akademiker und Meister verdienen in Deutschland im Schnitt drei Viertel mehr als ausschließlich beruflich ausgebildete Fachkräfte. Auch werden Hochqualifizierte seltener arbeitslos und sind zudem weitaus weniger krank.

Dies geht aus dem am Dienstag in Berlin veröffentlichten OECD-Bildungsbericht 2014 hervor. Verglichen werden darin die Bildungssysteme der 34 wichtigsten Industriestaaten sowie einiger Partnerländer.

Für Deutschland gilt nach wie vor, dass der Bildungserfolg eines jungen Menschen wesentlich von seiner sozialen Herkunft abhängt - so stark wie in kaum einer anderen Industrienation. Akademikerkinder haben hier eine mehr als doppelt so hohe Chance, selbst ein Studium erfolgreich abzuschließen, als Kinder aus nicht-akademischen Elternhäusern. Gerade für Schüler aus ärmeren Familien bleibe das Versprechen "Aufstieg durch Bildung" häufig in weiter Ferne, kritisierte der Leiter des Berliner OECD-Centers, Heino von Meyer.

Laut Bericht fällt der Einkommensvorsprung von Akademikern und Meistern gegenüber ausschließlich beruflich ausgebildeten Fachkräften in der Bundesrepublik weitaus größer aus als im Schnitt der anderen OECD-Industrienationen. Diese Hochqualifizierten verdienen im Schnitt 74 Prozent mehr als Erwerbstätige, die trotz Abitur oder Realschulabschluss weder zur Universität oder Fachhochschule gegangen sind noch einen Meisterkurs besucht haben.

Im Jahr 2000 lag dieser Hochqualifizierten-Vorsprung beim Einkommen in Deutschland erst bei 45 Prozent. Im Schnitt der anderen Industrienationen beträgt ihr Lohnvorteil derzeit 59 Prozent.

Als positiv heben die Bildungsexperten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem diesjährigen Bildungsbericht hervor, dass in Deutschland noch nie so viele junge Menschen wie derzeit einen Studienabschluss anstreben. Gleichwohl wachse hierzulande der Anteil der Hochgebildeten so langsam wie in kaum einem anderen Industriestaat. Während in Deutschland inzwischen 28 Prozent der 25- bis 64-Jährigen über einen Studienabschluss verfügen, sind dies im OECD-Schnitt 33 Prozent.

Jüngste Warnungen von konservativen Bildungspolitikern vor einem "Akademisierungswahn" bezeichnete von Meyer vor dem Hintergrund dieser Zahlen als "absurd". Es gehe nicht darum, Studium und betriebliche Lehre gegeneinander auszuspielen. Das deutsche Bildungssystem sei in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden. "Aber auch andere Länder schlafen nicht und werden schneller besser."

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, warf der OECD dennoch einseitiges Werben für ein Studium vor. Die internationale Wirtschaftsorganisationen erweise damit den deutschen Unternehmen und den Jugendlichen einen "Bärendienst". Auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hielt dagegen, dass in Deutschland den jungen Menschen mit dem Studium wie der beruflichen Bildung "zwei gleichwertige Alternativen zu Verfügung stehen". Beide böten optimale Möglichkeiten für die berufliche Zukunft.

Der OECD-Bericht macht erneut deutlich, dass eine qualifizierte Bildung der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist. Das gilt selbst für Krisenländer wie Spanien und Griechenland. Weltweit ist in den vergangenen Jahren vor allem die Arbeitslosigkeit von geringqualifizierten Menschen gestiegen.

In Deutschland hingegen sind die Erwerbslosenquoten für alle Bildungsstufen zurückgegangen. Mit 12,8 Prozent sind aber noch immer weit mehr Menschen mit geringer Qualifikation ohne Job als in höheren Bildungsstufen. Bei Personen mit Abitur oder Lehre liegt die Arbeitslosenquote bei 5,3 Prozent, bei Akademikern bei 2,4 Prozent.

Die OECD-Autoren beklagen zudem "eine geringe Bildungsmobilität" zwischen den sozialen Schichten in der deutschen Gesellschaft. 58 Prozent der Erwachsenen erreichen den gleichen formalen Bildungsstand wie ihre Eltern. 24 Prozent sind besser ausgebildet. 18 Prozent fallen hingegen hinter die Qualifikationen ihrer Eltern zurück.

Wanka sagte dazu, wenn ein Akademikerkind eine Lehre absolvierte und beispielsweise Optiker-Meisterin werde, könne man dies nicht als Bildungsabstieg bezeichnen. Von Meyer versicherte hingegen, dass in den OECD-Statistiken Meisterabschlüsse längst zum "tertiären Bereich" gezählt würden, also Studienabschlüssen in etwa gleich gestellt seien.