Berlin - Kaum Privatsphäre, ein Leben unter Fremden, Dolmetscher bei Behördengängen: Flüchtlingskinder werden in Deutschland laut einer Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef benachteiligt, ihre Belange oft nicht beachtet.

"Bei Flüchtlingskindern steht das Kindeswohl nicht an erster Stelle", sagte Thomas Berthold vom Bundesfachverband für unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge und Autor der Studie am Dienstag in Berlin. "Im Bereich des Asyl- und Aufenthaltsrechts haben wir immer wieder festgestellt, dass Kinder sehr wenig gehört werden." Mehr noch: Häufig seien sie für die Familie Dolmetscher bei Behörden - eine Rolle, die sie oft überfordere.

Auch Hobbys können die Kinder kaum nachgehen, weil sie in oft abgelegenen Unterkünften lebten. Privatsphäre haben sie laut der Studie dort trotzdem kaum: Sie leben meist auf engem Raum mit lauter Fremden zusammen. Das sei vor allem für Jugendliche in der Pubertät schwierig, wenn diese eigentlich unabhängiger werden wollen. Auch zum Arzt gehen können Flüchtlingskinder nicht ohne weiteres: Für jede Untersuchung brauchen sie eine Genehmigung.

Die Studie mit dem Titel "In erster Linie Kinder - Flüchtlingskinder in Deutschland" beleuchtet die Lage von Flüchtlingskindern, die mit ihren Eltern in Deutschland Zuflucht suchen. Für die Studie wurden 30 Experten und Betroffene in langen, persönlichen Interviews befragt.

In Deutschland leben nach Unicef-Schätzungen rund 65 000 Kinder und Jugendliche, die entweder geduldet wurden oder einen Asylantrag gestellt hatten. Etwa 36 300 Flüchtlingskinder - das sind 90 bis 95 Prozent aller Flüchtlinge unter 18 Jahren - kamen im vergangenen Jahr in Begleitung ihrer Eltern nach Deutschland.

Die Situation habe sich seit der Fertigstellung der Studie noch verschlechtert, sagte Unicef-Vorstandsmitglied Anne Lütkes. Die Zahl der Flüchtlinge sei angesichts der vielen Konflikte immens gestiegen.