Die Diskrepanz ist verblüffend: Fragt man Ostdeutsche nach ihrer persönlichen Zufriedenheit, sind die Werte auf ein Rekordniveau gestiegen - und sie sind fast identisch mit denen der Westdeutschen. Das System freilich, in dem diese Aufholjagd möglich wurde, hat an Ansehen kaum gewonnen. Nur 40 Prozent halten die Demokratie für die beste Staatsform, nur 17 Prozent die Marktwirtschaft für das beste Wirtschaftssystem - das haben die Demoskopen für die Studie "Wertewandel Ost" ermittelt, die 15 ostdeutsche Tageszeitungen publizieren.

Wie passt das zusammen? Eine Podiumsdiskussion in der Staatskanzlei hat am Montag auf Einladung der Deutschen Gesellschaft Antworten gesucht. Karl-Heinz Paqué, Wirtschaftswissenschaftler und einst für die FDP Finanzminister, lieferte gleich zwei Bewertungen: Dass die Menschen nach einem alternativen System suchten, "das es vielleicht gar nicht gibt", sei zwar einerseits ein Problem. Andererseits lasse sich die Erwartung nach einem starken Staat und die positive Bewertung der DDR psychologisch leicht deuten: "Niemand macht seine Jugend schlecht, das ist vollkommen menschlich", sagte Paqué. Sein Vater habe auch nie negativ über seine Kindheit im Dritten Reich geredet. "Solche Einstellungen halten sich länger als erwartet, aber sie lösen sich von allein auf", urteilte Paqué.

Und was kann Sachsen-Anhalt gegen sein Image als ewiges Schlusslicht tun?, fragte Alois Kösters, Volksstimme-Chefredakteur und Moderator der Runde. Die Expertin der Dresdner Agentur Zebra, die die Studie betreut hat, rät zu positiven Signalen. Sachsen-Anhalt, so deutete es Constanze Bräunig, habe die Chance, sich in alle Richtungen zu entwickeln. "Und es hat eine Menge zu bieten: Theater und Kultur, Wissenschaft, Landschaften." Das Land müsse an das Selbstbewusstsein der Menschen appellieren.

Ein Beispiel für erfolgreichen Wandel nannte Innen-Staatssekretär Ulf Gundlach (CDU): Aus dem Land mit Massenarbeitslosigkeit wurde eines, das um Talente werben muss. "Wir verhandeln mittlerweile auf Staatssekretärs-ebene mit anderen Ländern, um Mitarbeiter nach Sachsen-Anhalt zu holen", sagte er.

Beim Vergleich mit der DDR kam Gundlach zu differenzierten Aussagen. Die Menschen fühlten sich in der DDR sicherer als heute? Kein Wunder bei der völlig anderen Berichterstattung heute. Die Sportförderung? Beim Spitzensport könne Sachsen-Anhalt noch etwas mehr tun, räumte er ein. Und warum kommt selbst die DDR-Schule in der Erinnerung besser weg als die heutige? Darauf musste auch Gundlach mit den Schultern zucken.

Trotz positiver Entwicklungen im Osten sieht Dagmar Rothacher, im Bundeswirtschaftsministerium für die neuen Länder zuständig, noch einiges, was zu tun ist. Ostdeutschland liegt bei zwei Dritteln der westdeutschen Wirtschaftskraft und hat weiter eine höhere Arbeitslosigkeit mit einem harten Kern an Langzeitarbeitslosen. "Diese Unterschiede können uns nicht befriedigen", sagte sie.

Und worüber würde die Runde diskutieren, wenn sie in 25 Jahren erneut zusammenkäme?, fragte Moderator Kösters. Da ist die Antwort von Rothacher kurz und eindeutig: "Ich hoffe, dass es dann keinen Grund mehr gibt, hier zu sitzen."