Paris (dpa) – Blutbad in einer Redaktion, zerschossene Fenster in der Straße, Videos von vermummten, kaltblütig agierenden Tätern – ein Terroranschlag versetzt Paris und Frankreich in Schock. Das mehrfach bedrohte und angegriffene Satiremagazin "Charlie Hebdo" ist am Mittwoch Ziel von drei Terroristen geworden. Mindestens zwölf Menschen sterben beim blutigsten Anschlag seit Jahrzehnten in Frankreich.

Die Täter schlugen am späten Vormittag in dem belebten Viertel zu. Eine Nachbarin hört ohrenbetäubenden Lärm, glaubt an einen Film. Schüsse aus den Schnellfeuerwaffen der Terroristen hallen durch die engen Straßen. Menschen fliehen aus einem Gebäude über ein Dach in Sicherheit. Viele Anwohner sind verängstigt. Im Internet kursieren rasch Videos, die die ganze Kaltblütigkeit der Täter belegen. Eine der Aufnahmen scheint die Erschießung eines bereits am Boden liegenden Polizisten zu zeigen.

Auch die Zeichnerin Corinne Rey schildert die Härte des Anschlags im Osten der französischen Hauptstadt: "Zwei vermummte und bewaffnete Männer haben uns am Eingang brutal bedroht." Das Innenministerium spricht später von insgesamt drei Tätern.

Auf der Straße im elften Arrondissement der Stadt sehen die Menschen darin eine "Kriegserklärung". Der Angriff kommt möglicherweise von innen, direkt aus Frankreich. "Sie sprachen perfekt Französisch", sagte Rey der Zeitung "l\'Humanité". Rey berichtete, sie habe sich unter einem Schreibtisch in Deckung gebracht. Der Überfall habe etwa fünf Minuten gedauert.

Nach dem Anschlag riefen die Terroristen mehrfach "Allah ist groß". Nach Augenzeugenberichten sollen sie zudem "Wir haben den Propheten gerächt" gerufen haben. Bei dem Anschlag auf das islamkritische Magazin wird die Redaktion im Mark getroffen. Unter den Opfern sind die bekanntesten Zeichner des Satireblattes, auch der als Charb bekannte Zeichner und Redaktionsleiter Stéphane Charbonnier.

Bereits vor Weihnachten hatten drei Einzeltäter für Angst und Schrecken in Frankreich gesorgt. In Dijon war ein psychisch kranker Mann unter "Allah-ist-groß"-Rufen an fünf verschiedenen Stellen in Passantengruppen gefahren und hatte 13 Menschen verletzt. Im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours erschossen Polizisten einen Mann, der mit "Allahu-Akbar"-Rufen ein Kommissariat gestürmt und mit einem Messer drei Beamte verletzt hatte. In Nantes starb ein Mensch, als ein Mann mit einem Kleinlaster in einen Glühweinstand fuhr.

Frankreich ist nicht zufällig im Visier islamistischer Terroristen. In Mali kämpfen französische Truppen seit zwei Jahren gegen Extremisten, die im Norden des Landes ein Kalifat errichten wollten. Im Irak bombardieren französische Jagdflugzeuge an der Seite der USA die Terrormiliz Islamischer Staat. Erst vor wenigen Wochen konnte die letzte französische Geisel aus den Händen von Islamisten befreit werden.

Nach dem Attentat wurde die Terrorwarnung für den Großraum Paris auf die höchste Stufe gesetzt. Vor Medienhäusern wurden Polizeiwagen sichtbar platziert. Beamte klapperten einzelne Redaktionen ab: "Lassen Sie im Zweifel keinen rein!"

Frankreich musste jederzeit mit einem schweren Anschlag rechnen. Doch das Attentat trifft das Land in einer besonders schwierigen Phase. Selten gingen die Franzosen so pessimistisch ins Neue Jahr. Die Wirtschaft kommt nicht aus der Krise, Reformen sind umstritten und die Regierung ist unpopulär wie kaum eine vor ihr.

Präsident François Hollande fordert die Franzosen auf, angesichts des Terrors zusammenzustehen. Noch unter dem Eindruck der schockierenden Bilder entwickelt sich rasch eine Gegenbewegung. Die Fahnen am Élyséepalast und anderen offiziellen Einrichtungen wehen auf Halbmast.

Auf Straßen, an Plätzen, im Internet rollt eine Welle der Solidarität an. "Je suis Charlie" steht auf den Schildern einer Gruppe Journalistikstudenten, die sich nahe des Tatorts versammeln. "Ich bin Charlie" ist auch das Motto einer Demonstration, zu der Pariser sich noch am späten Nachmittag am Platz der Republik versammeln, nicht weit vom Tatort.