Dresden (dpa) | SPD-Chef Sigmar Gabriel hat bei seinem Überraschungsbesuch in Dresden eigentlich nur seinen Job gemacht. Reden zählt zum Kerngeschäft eines Politikers. Reden im Bundestag, mit dem Koalitionspartner, mit Kollegen aus Washington, Paris oder Peking - aber eben auch mit den Bürgern. "Ich finde es richtig, wenn Politiker (bei Veranstaltungen) vom Schützenfest bis zur Feuerwehr auftauchen", sagt Gabriel - auch wenn das manchmal "eine Scheiß-Arbeit" sei.

Aber mit Pegida reden? Dass er am Freitagabend in Dresden eine Stunde lang mit Anhängern des islamkritischen Bündnisses sprach, hat eine heftige Debatte vor allem in der eigenen Partei ausgelöst. Bis Sonntagnachmittag gingen bereits rund 400 Mails zu Gabriels Visite ein, laut einer Sprecherin waren 80 Prozent zustimmend.

Gabriels Alleingang ist in der SPD umstritten


Der von Gabriel als privat deklarierte Überraschungsbesuch hat viele in der SPD überrascht. Zwar wurde in internen Runden über die Option eines Ausflugs nach Dresden gesprochen. Aber dass Gabriel tatsächlich dort aufkreuzen würde, haben offensichtlich nur wenige erwartet.

Vor allem Generalsekretärin Yasmin Fahimi bringt der Parteichef und Vizekanzler damit in eine schwierige Lage. Zwar sind sich beide einig, dass man nicht mit den Organisatoren reden sollte. Fahimi hatte aber auch einen Dialog mit den Anhängern der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" bisher klar abgelehnt.

Ihre Haltung hat auch mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Die Tochter eines Iraners wird in diesen Tagen übel beschimpft. Kürzlich las sie einen Schmähbrief vor, der den anonymen Absender "Pegida Magdeburg" trug, mit der Anrede "Frau Ausländerdrecksau" begann und mit Beschimpfungen wie "Du iranische Türkenprostituierte" weiterging.

An diesem Montag dürfte die Klärung der SPD-Position und eine stimmige "Sprachregelung" Thema der Telefonschalte des Präsidiums sein. Einige in der Partei betrachten die jüngsten Alleingänge Gabriels mit Sorge.

Der SPD-Chef ist intern bekannt (und mitunter gefürchtet) für einen Hang zu "Bauchentscheidungen". Nach Dresden kam er aus mehreren Gründen: um den Pegida-Anhängern zuzuhören, zu verstehen, was sie antreibt, und um zu zeigen, dass Politiker keine abgehobene Clique sind, die sich nicht mehr für ihre Wähler interessieren.

Schräge Ansichten geraderücken


"Mein Rat ist jedenfalls, das zu tun, was seit langem erforderlich ist: dass wir mit Menschen, die Sorgen haben, tabulos reden", sagte Gabriel. Er will verstehen, was die Frust-Bürger hier bewegt. Die Sozialdemokraten holten in Sachsen bei der letzten Landtagswahl nur 12,4 Prozent der Stimmen. Die strukturelle Schwäche im Osten ist dafür mitverantwortlich, dass die SPD im Bund so schwach dasteht.

Ganz nebenbei konnte der SPD-Chef in Dresden versuchen, die eine oder andere etwas schräge Ansicht über die angebliche "Islamisierung des Abendlandes" geradezurücken. Ein Pegida-Anhänger meinte beispielsweise, die islamischen Vereine hätten in Berlin durchgesetzt, dass alle Weihnachtsmärkte in Wintermärkte umbenannt würden.

Gabriel wettete um ein Pils, dass das nicht stimmt: "Ich trinke ein großes Bier, da seien Sie sicher." Möglicherweise werden seine Gesprächspartner demnächst etwas vorsichtiger mit solchen Äußerungen sein.