Magdeburg l Völlig überfüllt ist der kleine Gebetsraum im Gebäude der Magdeburger Synagogengemeinde am Neustädter Bahnhof. Menschen sitzen auf dem Boden oder stehen, bis in das Treppenhaus reicht die Menschenmenge. Es ist später Nachmittag an einem Freitag. Der Schabbat hat gerade begonnen, der wichtigste Tag der jüdischen Woche.

Männer und Frauen sitzen in getrennten Abschnitten des Gebetsraumes, die Magdeburger Synagogengemeinde bevorzugt einen traditionellen Ritus. Laminierte Zettel, auf denen die hebräischen Gebete in kyrillische Buchstaben transskribiert sind, unterstützen sie. Fast alle sind Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die Mehrheit von ihnen hat das Rentenalter längst erreicht.

Wadim Laiter ist ebenfalls in der Sowjetunion geboren. Heute ist er Vorsitzender der Magdeburger Synagogengemeinde, die etwa 500 Mitglieder zählt. 2300 Juden lebten 1933 in Magdeburg, 1945 waren es noch 119. Für Laiter ist das Gedenken an die Ermordeten wichtig. Doch er stört sich an den rituellen Feiertagen: "Man trifft sich am 9. November, legt Blumen ab, und dann sieht man sich am 27. Januar wieder", sagt der Vorsitzende.

"Wenn Gott sich wünscht, dass wir jüdisches Leben etablieren, dann ist es so gewollt." Wadim Laiter

Sein Wunsch ist eine jüdische Gemeinde, die selbstverständlich in der Mitte der Gesellschaft existiert. "Jeder hat eine Aufgabe im Leben, und wenn Gott sich wünscht, dass wir jüdisches Leben etablieren, dann ist es so gewollt", sagt Laiter. Hoffnung setzt er in einen geplanten Synagogen-Neubau in Magdeburg.

Ein lebendiges Judentum in der Mitte der Gesellschaft wünscht sich auch Igor Tokar. Er ist der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Magdeburg. Im Gegensatz zur Synagogengemeinde gehört sie dem Reformjudentum an. Dort können Frauen Rabbinerinnen werden, im Gottesdienst existiert keine Geschlechtertrennung, und Menschen, die zum Judentum konvertieren möchten, haben es deutlich einfacher als bei den Orthodoxen. Tokar ist Gegner eines Synagogen-Neubaus. Er möchte einen Wiederaufbau der alten Synagoge in Form eines Museums. "Ein Raum reicht als Synagoge", sagt Tokar. Der Gebetsraum seiner Gemeinde an der Markgrafenstraße ist sehr viel sachlicher gehalten als der am Neustädter Bahnhof. Fotos statt Bibelsprüchen dominieren die Wände, die Tora-Rolle ist in einem schmucklosen Schrank untergebracht.

Zu kämpfen haben beide Gemeinden mit dem demografischen Wandel. "Leider sind unsere Mitglieder nicht unsterblich", sagt Laiter. Hinzu komme, dass viele jüngere Juden aus Magdeburg wegzögen. "Das ist die Lage in Magdeburg, es fehlen die Arbeitsplätze." Zurück bleiben die Alten, denen die Synagogengemeinde den sozialen Zusammenhalt bietet.

Um den Nachwuchs wolle sich die Gemeinde besonders mühen und "nicht einfach nur zusehen, wie die Gemeinde älter wird", sagt Laiter und: "Das ist erst der Anfang, wir möchten dahin, wo wir vor 76 Jahren aufgehört haben." Bei den Reformjuden sieht es ähnlich aus. "Bis auf zwei Konvertiten kommen alle aus der Sowjetunion", sagt Tokar. In der Mehrheit seien sie ebenfalls im Rentenalter.

Für Jutta Dick von der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt ist der Wegzug junger Juden aus Sachsen-Anhalt ein elementares Problem. "Der Arbeitsmarkt ist das Wesentliche", sagt sie. Der größte Teil der jüdischen Zuwanderer sei nach der Wende von Sozialleistungen abhängig gewesen. Die zweite Generation wolle nun das Schicksal ihrer Eltern überwinden und ziehe der Arbeit hinterher. Jutta Dick ist skeptisch, was den nachhaltigen Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt angeht.

Neben dem demografischen Wandel sorgt sich Wadim Laiter um den zunehmenden Antisemitismus. Als im Sommer im Zuge des Gaza-Konflikts Synagogen angegriffen und auf Demonstrationen antisemitische Hetzparolen gebrüllt wurden, habe man dies auch in Magdeburg wahrgenommen. Laiter macht sich Sorgen über die Zunahme extrem rechter Ansichten. Erst kürzlich hatte er auf einer Kundgebung gegen den "Magida"-Aufmarsch geredet, zusammen mit Moawia Al-Hamid, dem Vorsitzenden der islamischen Gemeinde. Die zahlreichen Gegendemons-tranten haben Laiter gefreut. "Das ist die Unterstützung, die wir brauchen."

"In der DDR galten Juden nicht als Widerständler, und man tat sich mit Religion schwer." Jutta Dick

Zu DDR-Zeiten sind die jüdischen Gemeinden weiter geschrumpft. In Halberstadt, wo einst die bedeutendste Gemeinde der Region zu finden war, leben heute keine Juden mehr. Nach Kriegsende haben dort britische und amerikanische Soldaten nach Verwandten gesucht - Emigranten, die in den Uniformen der alliierten Streitkräfte zurückgekehrt waren, erzählt Jutta Dick. Sofort hätten sie damals eine Gemeinde gegründet. Mit der Übergabe des Harzvorlandes an die sowjetische Besatzungsmacht hörte diese allerdings auf zu existieren.

"In der DDR galten Juden nicht als Widerständler", sagt Jutta Dick, "und man tat sich mit Religion schwer." Die Wiedergründung jüdischer Gemeinden habe daher keine Rolle gespielt. In einem solchen Klima konnten sich bizarre Zustände, wie einst in Halle, entwickeln. Dort hatte sich die Tochter eines NS-Täters als Jüdin und Holocaust-Überlebende ausgegeben und sich zur Vorsitzenden der Gemeinde wählen lassen. Das Amt hatte sie von 1968 bis zur ihrer Absetzung 1986 inne.

Heute leben etwa 1600 Juden in Sachsen-Anhalt. Außerhalb von Magdeburg existieren Gemeinden in Halle und Dessau mit etwa 600 bzw. 400 Mitgliedern. Für diejenigen, die die jüdischen Gesetze einhalten wollen, ist der Alltag dabei oft schwierig. "Wenn es um koscheres Essen geht, müssen wir nach Berlin fahren", sagt Wadim Laiter. Ein koscheres Geschäft in Magdeburg existiert nicht. Laiter hat beim Einkaufen immer einen Zettel dabei, auf dem der Rabbiner nicht-koschere Zutaten notiert hat. "Alles sind Kompromisse", sagt Laiter.

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