Rat und Tat

Urteil: Die gesetzliche Krankenkasse muss die höheren Kosten für ein besonderes Hörgerät übernehmen, wenn dieses für den Betroffenen wesentlich ist. Die Kasse kann sich dann nicht auf eine Festbetragsregelung berufen, hat das Hessische Landessozialgericht (Az.: L 8 KR 52/11) entschieden. Für die Mehrkosten ist ein zusätzlicher Antrag bei der Krankenkasse zu stellen.

Kontakt: Beratung in Konfliktfragen bietet unter anderem der Deutsche Schwerhörigenbund , Landesverband Mitteldeutschland, Allstedterstr. 1, 99427 Weimar, Tel./Fax: 03643 422 158, dsb-landesverband-md@gmx.de sowie die Unabhängige Patientenberatung, Breiter Weg 228, 39104 Magdeburg, Tel. 0391 56283710

Test: Um das Hörgerät optimal auszuwählen, sollten Schwerhörige es ganztags, in möglichst unterschiedlichen Situationen und Orten ausprobieren, mindestens eine Woche pro Gerät, rät die Stiftung Warentest. Probleme und Eindrücke sollten schriftlich festgehalten und dem Hörakustiker vorgetragen werden. Das gelte auch für die spätere Feinabstimmung, wenn sich der Patient für ein Gerät entschieden habe. So lasse sich auch lästiger Störschall in den Griff bekommen.

Magdeburg l "Ich bin zufrieden mit meinem Kassengerät", sagt Detlev Schilling. Der Vorsitzendes des Landesverbandes Mitteldeutschland des Deutschen Schwerhörigenbundes musste für sein Hörgerät nichts zuzahlen, der Festzuschuss der Krankenkasse reichte. "Es ist digital und komfortabel", sagt er. Rund 734 Euro pro Hörgerät oder 1320 Euro für beide Ohren übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung. Wählt der Schwerhörige ein teureres Exemplar, dann muss er die Differenz selbst bezahlen. Doch aus der Beratung seiner Mitglieder weiß Schilling, dass die teureren Geräte nicht automatisch besser sind. "Es kommt auf die persönliche Hörkurve an", berichtet er.

Das Kassengerät zuerst Probe tragen

Die große Zufriedenheit mit zuzahlungsfreien Hörgeräten hat auch eine große Online-Umfrage der Stiftung Warentest im vergangenen Jahr (Heft Oktober 2014) ergeben. Allerdings berichteten viele, dass sie die Kassengeräte nicht mal zur Probe bekamen, obwohl dies bei gesetzlich Versicherten Pflicht ist. "Die Kassengeräte haben sich technisch weiterentwickelt. Man sollte ihnen eine faire Chance geben", sagt Bettina Sauer von der Stiftung Warentest. Sie rät, beim Hörakustiker aktiv nach zuzahlungsfreien Geräten zu fragen und diese zuerst auszuprobieren. Nur so könne man sich ein gutes Bild von der Qualität machen.

Das setzt natürlich voraus, dass der Hörakustiker das zuzahlungsfreie Exemplar genauso gut einstelle wie das teurere, gibt Detlev Schilling zu bedenken. Er rät, immer drei Geräte zu testen und vier Wochen zur Probe zu tragen. Eines davon sollte zuzahlungsfrei sei, die beiden weiteren dann mit Eigenanteil. Erweise sich das Hörgerät mit Zuzahlung als das bessere, rät Schilling dazu, noch einen zweiten Akustiker aufzusuchen und die Preise zu vergleichen. "Das Problem ist aber, dass sich viele Schwerhörige das nicht trauen", berichtet er.

Krankenkassen sparen durch Versandhandel

Mit Sorge betrachtet Detlev Schilling die Entwicklung, dass immer mehr Hals-Nasen-Ohren-Ärzte zusammen mit Versandhändlern die Versorgung von schwerhörigen Patienten übernehmen. Das Gerät wird in die Praxis geschickt und dort vom Arzt angepasst. Der Hörakustiker wird so eingespart. Das kommt für die Krankenkassen billiger, die mit verschiedenen Anbietern Verträge über den "verkürzten Versorgungsweg" geschlossen haben. "Die Geräte im Versandhandel sind deutlich günstiger", sagt Schilling. Auf der Strecke bleibe dabei aber persönliche Beratung und Auswahl sowie die Nachsorge bei einem Akustiker. Schilling rät, sich nicht ohne Not vom Arzt zu diesem Versorgungsweg überreden zu lassen. Denn gerade ältere Patienten seien bei der Nachsorge auf einen Ansprechpartner vor Ort angewiesen.