Aschermittwoch und Fastenzeit

Am heutigen Aschermittwoch beginnt die rund 40-tägige Fasten- oder Passionszeit vor Ostern. Der Verzicht auf Speisen und Getränke wie Fleisch und Wein oder auch auf den Fernsehkonsum gilt als Symbol der Buße und der spirituellen Erneuerung.

In den sieben Wochen vor dem Osterfest nehmen sich viele Christen zudem mehr Zeit für Ruhe und Gebet, um sich selbst und Gott näherzukommen. Sie besinnen sich auch auf das Leiden und Sterben Jesu.

In der katholischen Kirche zeichnet der Priester ein Aschekreuz als Symbol der geistigen Reinigung und der Vergänglichkeit auf die Stirn der Gottesdienstbesucher.

In der evangelischen Kirche beteiligen sich rund drei Millionen Menschen an der Fasteninitiative "7 Wochen Ohne",

In diesem Jahr steht die Kampagne unter dem Motto "Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen".

Fastenzeiten sind in fast allen Religionen bekannt, im Islam etwa gibt es den Fastenmonat Ramadan.

Frankfurt a. M. (epd) l Langsam neigt sich der Rollstuhl nach hinten. Noch ein Stückchen, und noch ein paar Zentimeter. Dem Zuschauer schießen die Schweißperlen auf die Stirn: Halt, das kippt doch gleich! Doch es geht alles gut. Im kräftigen Ausfallschritt hält Hanna Lässig ihre Partnerin Kassandra Ruhm, die sich zur Tangomusik mit ihrem Rollstuhl nach hinten fallen lässt. So, als ob das gar nichts wäre. Die Szene ist Teil eines inklusiven Tanzprojektes: "bunter umso schöner tanzen".

"Egal ob behindert oder nicht - wir wollen aus unseren Besonderheiten Kunst machen, uns zusammen bewegen und Spaß haben", sagt die Bremerin Kassandra Ruhm und betont den treibenden Gedanken des Projektes: "Jeder Körper ist schön, so wie er ist." Ob man nun jung oder alt ist, dick oder dünn, seit 15 Jahren Ballett oder Modern Dance trainiert, Rugby spielt oder nur einen Finger bewegen kann.

Das Projekt könnte die Blaupause für die diesjährige Fastenkampagne "7 Wochen Ohne" der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sein. "Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen" lautet das Motto der Aktion, an der sich nach Schätzungen der Organisatoren zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag bundesweit rund drei Millionen Menschen beteiligen werden. "Wir wollen dazu ermutigen, das Unverwechselbare zu entdecken und wertzuschätzen", sagt Geschäftsführer Arnd Brummer.

Die Kampagne will eine Kraft mobilisieren, die sich gegen den allgegenwärtigen Optimierungsdrang in der Gesellschaft stemmt. Zum Beispiel beim Blick auf den eigenen Körper: Könnte die Nase nicht gerader, der Busen nicht größer, der Bizeps nicht trainierter sein? Die Haut straffer, die Haare strahlender? Es gibt kaum mehr eine Körperzone, die nicht für Optimierung infrage käme. "Die Lebenserfahrung aber zeigt, dass es das Eigenwillige und das Besondere ist, das wir ins Herz schließen", sagt Brummer.

Begleitet von einem Fastenkalender, Fastengruppen, Facebook-Dialog, Mitmachaktionen und eigener App ermutigt die Aktion deshalb, die Schönheit zu suchen, zu würdigen und zu feiern - vor allem da, wo sie sich nicht herausputzt und in Pose wirft. "Es kommt darauf an, zu sich selber zu stehen und sich zu mögen, wie einen der liebe Gott gemacht hat und wie man sich nun mal entwickelt", beschreibt es die Kuratoriumsvorsitzende der Fastenkampagne und Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler.

"Zum Leben und zum Glücklichsein ist es nicht nötig, in Normen zu passen." - Kassandra Ruhm

Wer das schafft, entlastet sich, davon ist die evangelische Theologin überzeugt. "Es ist doch ein irrer Stress, immer toll sein zu wollen."

Kassandra Ruhm wirbelt im Rollstuhl über das Parkett. In immer schnelleren Pirouetten unter dem Arm ihrer Partnerin hindurch. "Vielfalt macht das Leben bunter", sagt die Künstlerin und ergänzt, noch etwas atemlos von den letzten Drehungen: "Zum Leben und zum Glücklichsein ist es nicht nötig, in Normen zu passen."

Wer immerzu damit beschäftigt ist, perfekt zu denken und zu handeln, lebt nach Auffassung der Organisatoren der Fastenkampagne in ständiger Angst. Ständig perfekt sein zu wollen, das koste auch Zeit, warnt Breit-Keßler. "In der Zeit kann ich doch locker einfach leben und meine Energie für etwas anderes verwenden."

Wer sich und andere nicht runtermachen wolle, müsse sein "Selbstmitgefühl" stärken, empfiehlt die Münchner Psychologin und Psychotherapeutin Christine Brähler. "Um echtes Mitgefühl für andere entwickeln zu können, brauche ich ein Fundament." Fürsorge für andere, verdeutlicht die Expertin, bedarf der Fürsorge für sich selbst.

Um zu lernen, wie man der gnadenlosen Selbstverurteilung, der Grübelei über die eigenen Unzulänglichkeiten entfliehen kann, organisiert sie Kurse zu Achtsamkeit, Verbundenheit und Freundlichkeit zu sich selbst. Teilnehmer üben beispielsweise, wie sie eine "Selbstmitgefühlspause" einlegen oder einen mitfühlenden Brief an sich selbst schreiben. "Selbstmitgefühl zu üben, das ist kein egoistischer Akt, sondern gut für alle um uns herum", betont Brähler.

Auch den Hamburger Literaturwissenschaftler Rainer Moritz nervt "der Tanz um Optimierung und Selbstoptimierung". Er hat ein Buch geschrieben, das inhaltlich das Thema der Fastenkampagne aufnimmt. Im Streben, immer noch perfekter sein zu wollen, wittert er eine Pervertierung protestantischen Pflichtbewusstseins. Im biblischen Sinne wunderbar zu sein, das heiße nicht perfekt zu sein, urteilt er. Sondern mit sich selbst klarzukommen, hinzunehmen, dass man so und nicht anders ist: "Mängel habe ich genug, Mängel sehe ich an anderen genug. Doch es hilft nicht, tagtäglich Mängelwirtschaft zu betreiben."