Dessau-Roßlau l Acht Auftritte in sieben Spielstätten und an vier Festspielorten. Es ist ein ehrgeiziges Programm, das Cornelia Froboess in den kommenden gut zwei Wochen erwartet. Einen Monat war sie jetzt, nur für die Familie erreichbar, mit sich "in Klausur". Ab heute ist Dessau Dreh- und Angelpunkt für die Sängerin und Schauspielerin. Hier nimmt sie Quartier. Hier wird sie zunächst vor allem auch noch intensiv an den vier Programmen arbeiten, die sie zum Kurt-Weill-Fest präsentiert. Als Artist-in-Residence 2015.

Mit dem diesjährigen Motto "Vom Lied zum Song" hat Festivalintendant Michael Kaufmann wie schon 2014 mit "Weill und die Medien" einen weiteren Schwerpunkt ausgewählt, der sich "mit einem Thema befasst, das von besonderer Bedeutung in Weills Schaffen war". Der Komponist habe "immer versucht, mit den besten Schriftstellern seiner Zeit zusammenzuarbeiten". Deshalb war es Michael Kaufmanns Wunsch, einen Artist-in-Residence zu finden, "der für die besondere Beziehung von Text und Musik einstehen kann und das verkörpert, was das Kostbare ist, wenn Text und Musik einander nahekommen und auch ineinandergehen".

Ein großartiger Künstler mit großer Bandbreite

Das Festival habe nicht oft die Möglichkeit, einen Schauspieler ins Zentrum zu stellen. Der Intendant ist deshalb sehr glücklich, dass Cornelia Froboess sich "einen kleinen roten Teppich" hat ausrollen lassen.

Eine Residence in solchem Umfang, das ist auch für die Schauspielerin ein Novum. "Ich war schon sehr stolz", bekennt sie zur Anfrage der Festivalmacher. Sie hat sich eingelassen darauf, obwohl sie wusste, dass "ich mir viel Zeit nehmen muss". Getan hat sie es nicht zuletzt auch, "weil ich großen Nachholbedarf habe, gerade die neuen Bundesländer betreffend. Das ist ein großer, entscheidender Reiz. Ich hoffe, dass ich trotz meines umfangreichen Repertoires, trotz Proben und Vorstellungen die Zeit finde, mir viel ansehen zu können, auf den Spuren der großen Geister dort zu wandeln".

Dazu gehört auch, möglichst viel vom Festival-Programm zu erleben, Weill noch besser kennenzulernen. Sie habe überhaupt erst sehr spät einen Weg zur Musik des in Dessau geborenen Komponisten (1900-1950) gefunden, sagt Froboess. "Bis sich im Westen überhaupt mal jemand getraut hat, Brecht zu inszenieren oder Weill zu singen, das hat wahnsinnig lange gedauert." Für sie ist Brechts "Mutter Courage", die sie 2004 in München spielte, der Beginn, sich langsam über Brecht auch mit Weill zu beschäftigen. Heute sieht sie ihn als "einen schon großartigen Künstler mit seiner Bandbreite, die er hatte. Eben nicht mit diesem Riss zwischen E- und U-Musik, sondern, wie er das kombiniert hat".

Dafür steht Cornelia Froboess auch selbst. Mit ihrer Schlagervergangenheit habe sie keine Schwierigkeiten, ebenfalls nicht damit, dass ihr Film "Conny und Peter machen Musik" im Festivalprogramm steht. Michael Kaufmann stimmt zu. Er sieht darin "eine große Chance, wenn eine Künstlerin eine Biografie hat wie Cornelia Froboess. Es führt einfach dazu, dass Menschen sich leichter einladen lassen zu etwas, das sie nicht kennen".

Und das passe speziell auch zum Künstler Kurt Weill: Für sich zu entscheiden, in welchem Abschnitt des Lebens man welche Kunst mache.

In ihren Programmen für das 23. Kurt-Weill-Fest stellt Froboess Sprache, Texte vor allem "in schöne, sinnstiftende Beziehungen" mit Jazzmusikern. In drei Fällen ist es jeweils ein Instrumentalist, einmal ein Jazzquintett. "Nur ,Liederliches` mit Sigi Schwab ist ein feststehendes Programm, das wir aber immer wieder erneuern und weiterführen", sagt Cornelia Froboess. Deshalb und wegen der in den kommenden Tagen entstehenden neuen Einstudierungen sind ihre Festival-Auftritte also "alles Premieren". Und sie wollen immer auch eine Brücke zu den Aufführungsorten schlagen, "werden vielleicht dadurch noch authentischer", freut sich die Künstlerin darauf.

Da ist der historische Gasthof "Zum Eichenkranz" in Wörlitz. Entstanden mit dem Gartenreich des Aufklärungsfürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817). Goethe, Hölderlin oder Novalis wohnten hier. "Je weiter meine Stimme dringt, je heller sie mir wieder klingt", heißt das Programm, in dem sich Cornelia Froboess - zweimal am 28. Februar - Texten und Briefen des ebenfalls aus Dessau stammenden Wilhelm Müller, von Kurt Weill, Ernst Krenek und Friedrich Hollaender widmet, an ihrer Seite Bassist Dieter Ilg.

Eine Stimme für die Kunstfigur Frau Wernicke

Besondere Beziehungen stellt "Frau Wernicke: Kommentare einer Volksjenossin" her. Die aus Deutschland emigrierte Schauspielerin und Kabarettistin Annemarie Hase lieh der Kunstfigur Frau Wernicke in London in der Anti-Nazi-Berichterstattung des Deutschen Dienstes der BBC ihre Stimme. Jetzt ist es Cornelia Froboess. Die Texte sind 1941 bis 1944 entstanden, geschrieben von Bruno Adler, der enge Beziehungen zum Dessauer Bauhaus hatte.

Julia Hülsmann und ihr Jazz-Quintett spielen Weill vom Broadway, Gershwin. "Darauf freue ich mich", sagt Cornelia Froboess. Zu erleben ist der Abend im MDR-Funkhaus in Magdeburg (6. März) und im Bauhaus in Dessau (8. März).

"Liederliches" (7. März, Marienkirche Dessau) bietet unter anderem Brecht, Kästner und Biermann - und der Froboess die Gelegenheit, wieder mit dem Jazz-Gitarristen Sigi Schwab auf der Bühne zu stehen. Dessau (13. März) und Wittenberg (12. März) sind die Stationen für "einen ganz wundervollen Heine-Abend" (Michael Kaufmann), den sie ebenfalls mit Sigi Schwab präsentiert. Nicht zuletzt wird sie im "Festival-Café" im Gespräch sein.

Nach ihrem Umgang mit Texten befragt, gesteht Cornelia Froboess, "ich mag es an und für sich nicht, wenn man mir hineinschaut, wie ich mit den Texten arbeite. Besser man hört es und hat seine Meinung. Aber: Ich muss mich mit Texten wahnsinnig lange beschäftigen, um sie so zu begreifen, dass ich damit umgehen kann. Solange, dass ich zum Schluss denke, sie sind von mir. Ich lebe dann mit dem Text und hoffe, dass das auch so wahrgenommen wird."

Das vollständige Programm finden Sie unter www.kurt-weill-fest.de