Traditionsreiche Waschmittelproduktion
Das Waschmittelwerk Genthin wurde 1921 von Henkel als Produktionsstätte für Wasch- und Reinigungsmittel gegründet. Am Standort entstand die modernste Waschmittelproduktion Deutschlands.
In der DDR wurde das Werk 1949 zu einem Volkseigenen Betrieb, nachdem es zuvor enteignet worden war. Die Marke Spee existiert seit 1966. Seit 1968 wurde das Waschmittel produziert. Schon kurz nach seiner Einführung wurde Spee zum meistgekauften Waschmittel in der DDR.
Nach der Wiedervereinigung erwarb Henkel im November 1990 das Werk von der Treuhandanstalt zurück. Spee, das Ostprodukt, wurde nun auch für den Westmarkt produziert. 2007 der erste Einschnitt: Henkel verlegte die Pulverproduktion komplett nach Düsseldorf. Das Unternehmen zog sich danach aus Genthin zurück. Spee war nun kein Ostprodukt mehr.
2009 übernahm die Hansa Group mit Sitz in Duisburg das Werk. Erst 2012 ging eine neue Tensid-Anlage in Betrieb, in die 50 Millionen Euro investiert wurden. Das Land förderte die Investition mit 8,58 Millionen Euro. Das Werk produzierte Waschmittel, Seifen und Haargels für Eigenmarken der Discounter.
Die Hansa Group AG stellte im Juli 2014 einen Insolvenzantrag. Im November ging das Werk an die Gemini-Holding. (ba)

Genthin l Mit Henkel begannen in den Zwanzigerjahren die goldenen Zeiten im Waschmittelwerk Genthin. Nach turbulenten Jahren, einer Insolvenz und Enttäuschungen für die Mitarbeiter sollte mit dem neuen Investor, Gemini, Stabilität zurückkehren. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Mit nahezu 100000 Euro steht die junge Duisburger Chemiefirma Gemini bei dem Genthiner Dienstleister QSG in der Kreide. Das Unternehmen bewirtschaftet den Standort in der ehemaligen Kreisstadt und ist unter anderem für die Sicherheit im Waschmittelwerk zuständig. Seit der Übernahme des Werks von der insolventen Hansa Group drohten zudem zwei Energieversorger, ihre Gas- und Stromlieferungen an das Waschmittelwerk einzustellen, weil Gemini Rechnungen nicht bezahlt hatte.

Gemini hat sich dazu bislang nicht geäußert. Doch im Werk läuft nicht alles nach Plan. Die derzeitige Produktionsauslastung liegt unter den Erwartungen, gibt die Firma auf Anfrage zu. "Der Hauptgrund dafür ist, dass wir überall als Lieferant neu zugelassen und gelistet werden müssen. Dies dämpft die Auftragslage und Wiederanbringung des Geschäftsprozesses", erklärt Silvia Kostova, Sprecherin von Gemini.

Wirtschaftsministerium ist misstrauisch


Der neue Eigentümer ist im Waschmittelwerk ein alter Bekannter. Geschäftsführer von Gemini ist der iranische Geschäftsmann und ehemalige Hansa-Vorstand Khodayar Alambeigi. Seine Holding hatte im November vergangenen Jahres das Tafelsilber der zahlungsunfähigen Hansa Group aufgekauft: das Waschmittelwerk in Genthin sowie weitere Produktionsstandorte in Nordrhein-Westfalen. 17,5 Millionen Euro hat die Holding dafür auf den Tisch gelegt. Woher das Geld stammt, ist unklar. Erst seit 1. Oktober 2014 ist die sogenannte Gemini-Holding in einem Handelsregister der Schweiz eingetragen. Als Geschäftszweck sind der Erwerb und die Verwaltung weltweiter Beteiligungen sowie die Verpachtung von Betriebsvermögen angegeben. Das zugehörige Unternehmen Gemini, das nun das Sagen im Genthiner Waschmittelwerk hat, wurde wenige Wochen später gegründet.

Kurz darauf sprach Alambeigi mit Vertreten des Wirtschaftsministeriums und der Investitionsbank Sachsen-Anhalt über eine Bürgschaft und einen Kredit über fünf Millionen Euro. Das Land bat Alambeigi um Geschäftszahlen und ein Konzept für den Standort Genthin. Was er lieferte, waren bunte Bilder und lückenhafte Bilanzen, heißt es aus dem Ministerium. Ein schlüssiges Konzept hat Alambeigi bis heute nicht vorgelegt. Im Ministerium nahm man von einer finanziellen Unterstützung auch Abstand, weil nicht sicherzustellen sei, dass das Geld in Genthin bleibe.

Dubiose Geschäfte mit Unternehmen im Iran


Die Landespolitik ist auch misstrauisch, weil die Alambeigi-Familie mit der Hansa Group in der Vergangenheit in juristischen Grauzonen agierte. Vor einigen Jahren hatte Hansa mehrere gut dotierte Lieferverträge mit der iranischen Firma Sepanir abgeschlossen. Auf Anweisung des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle musste Hansa diese Geschäfte im April 2010 stoppen. Doch der Ausfuhrstopp währte nur kurz. Ab Dezember 2010 verschickte Hansa erneut Güter in den Iran. Als neuer Geschäftspartner wurde nun ein Unternehmen mit dem Namen Petrokish benannt. Eine Tarnfirma, wie sich später herausstellte.

Noch bevor Khodayar Alambeigi mit der Hansa Group Geschäfte machte, wollte er den Tourismus im Persischen Golf revolutionieren. Auf der iranischen Insel Kish sollten für 1,7 Milliarden Euro Urlaubsanlagen gebaut werden. Aufträge im Wert von 800 bis 900 Millionen Euro versprach Alambeigi deutschen Unternehmen. Doch 2007 wurde das Projekt eingestellt.

Am Waschmittelwerk in Genthin weist ein gelb-schwarzes Logo am Gebäude noch immer auf den alten Eigentümer hin. Mehr als 50 Mitarbeiter mussten nach der Übernahme gehen. 45 von ihnen sind mittlerweile in einer Transfergesellschaft aufgefangen worden. Darin sollen sie auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Im Werk sind derzeit noch rund 100 Mitarbeiter beschäftigt. Gemini hat nach der Übernahme eine Bestandsgarantie abgegeben - bis Ende 2016. Was die wert ist, weiß niemand. Die verbliebenen Mitarbeiter nahmen in Kauf, dass ihre Bezüge für die kommenden fünf Jahre um zehn Prozent gekürzt und auf dem Niveau eingefroren wurden.

Erst im kommenden Jahr rechnet Gemini mit einer normalen Auslastung der Produktion in Genthin. Im Werk werden derzeit sogenannte Tenside hergestellt, die Wasch- und Reinigungsmitteln beigemischt werden und als Weichmacher dienen.

Getec als Rettungsanker für die Energieversorgung


"Ich hoffe, dass es für den Standort ein zukunftsfähiges Konzept gibt", erklärt Thomas Barz, der seit April 2013 Bürgermeister von Genthin ist. Blindes Vertrauen in den neuen Eigentümer hat er nicht. So geht es auch den anderen Unternehmen am Standort. Nach den Querelen mit Gemini planen die ansässigen Firmen, auf dem Gelände des Waschmittelwerks die Energieversorgung umzustellen. Das Magdeburger Energieunternehmen Getec soll künftig die Aufgaben als zentraler Versorger übernehmen.

 

Bilder