Hannover - Die Organisatoren der Ostermärsche klagen über schwindende Teilnehmerzahlen. Wachsende Politikverdrossenheit und der Verlust des Vertrauens in Verbände und Institutionen seien die Ursache für diese Entwicklung, sagt der Trendforscher Peter Wippermann.

Vor allem junge Menschen würden sich heute über Social Media und private Netzwerke austauschen, statt ihren Ängsten bei Großdemonstrationen Luft zu machen.

Frage: Die Teilnehmerzahlen bei den Ostermärschen schwinden seit Jahren. Woran liegt das?

Antwort: Es liegt zum einen auf jeden Fall an der veränderten Arbeitswelt. Solidarität ist entstanden mit kollektiver Arbeit. Wir sind aber in einer Situation, wo sich die Arbeit individualisiert.

Frage: Die Veranstalter vermissen vor allem jüngere Leute. Haben die kein Interesse mehr an Friedenspolitik?

Antwort: Das Politikverständnis hat sich völlig geändert. Das Vertrauen in Parteien und Politiker ist deutlich zurückgegangen. Institutionen und Verbände genießen ebenfalls weniger Vertrauen. Das heißt: Jüngere Leute schießen sich projekthaft auf einzelne Themen ein und gehen dann nicht auf die Straße, sondern in die virtuelle Welt. Es gibt Gruppen, die permanent irgendwelche Demonstrationen im Netz organisieren, und Verbindungen, die sich über Facebook oder Twitter zusammenfinden. Jeder soziale Dienst ist sozusagen geeignet, für bestimmte Gruppen in der Gesellschaft politische Arbeit zu organisieren.

Frage: In den 80er Jahren war die Friedensbewegung sehr stark, weil die Kriegsangst so groß war. Haben die Menschen heute keine Ängste mehr, etwa angesichts der Kämpfe in der Ostukraine?

Antwort: Ich glaube, die Ängste sind gleich. Aber sie richten sich nicht so sehr auf das kollektive Friedensbewusstsein, weil es nicht mehr das klare Ost-West-, also Gut-Böse-Schema gibt. Die Ängste sind sehr unterschiedlich. Und Untersuchungen weisen alle in die Richtung, dass die Ängste eher im Privaten liegen. Das Thema Gesundheit ist dabei ganz groß. Bei den Älteren gibt es völlig andere Ängste - das ist ganz klar geprägt mit der ökonomischen Sorge im Alter. Bei den Jüngeren sind es das persönliche Vorankommen und die Partnerschaft oder Beziehung an sich.

Frage: Welche Wege wählen die Menschen denn heute, um mit ihren Ängsten umzugehen?

Antwort: Ich würde von einer Clubkultur des Politischen reden. Es geht darum, dass man sich immer Gleichgesinnte sucht, wie früher auch. Nur die Perspektiven sind immer sehr unterschiedlich und nuancenreich. Das heißt, man hat nicht mehr große Gruppen. Sondern man hat viele kleine Gemeinschaften, und diese geben einem letzten Endes Bestätigung dadurch, dass sie die Weltsicht teilen.

Frage: Was können Organisatoren tun, um mehr Menschen für Veranstaltungen wie die Ostermärsche zu begeistern?

Antwort: Das Politische könnte sich dadurch verändern, dass der Dialog permanent geführt wird. Also nicht nur kurz vor den Wahlen, kurz vor dem 1. Mai oder kurz vor Ostern, sondern dass man tatsächlich Teil einer größeren Gruppe ist. Es muss ein ständiger Austausch sein. Das Interessante ist ja, dass schon das Motto zum Ostermarsch praktisch niemandem bekannt ist. Man überführt eine politische Aktion in ein Ritual, und das ist etwas, was die Jüngeren auf jeden Fall nicht akzeptieren.

ZUR PERSON: Peter Wippermann (65) betreibt ein Trendforschungsbüro in Hamburg. Der gelernte Schriftsetzer und Grafikdesigner lehrt außerdem als Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen.