Dessau (dpa) l Eines haben die Mächtigen in der DDR nie begriffen: Dass sich kulturelle Trends an einer Mauer nicht brechen lassen. Ganz im Gegenteil. Das war schon bei den Beatles so und zehn Jahre später bei Bruce Springsteen und all den anderen. Als Anfang der 1980er die Hip-Hop-Welle aus den USA nach Europa schwappte, war auch die Jugend im Osten infiziert. Spätestens der Film "Beat Street", der 1985 zwischen Kap Arkona und Oberwiesenthal in die Kinos kam, löste ein Breakdance-Fieber aus. Der neue Stil aus Amerika vermittelte ein Gefühl von Freiheit. Plötzlich wehte durch die ostdeutsche Provinz ein Hauch von New York.

30 Jahre später erzählt der Spielfilm "Dessau Dancers" von den Geburtswehen des Breakdance in der DDR. Regisseur Jan Martin Scharf hat auf Darsteller vertraut, die sich einst selbst in der Szene bewegten. Mit Sebastian Jaeger alias Killa Sebi ist sogar ein mehrfacher Breakdance-Meister und Mitglied der renommierten Flying Steps dabei. Auch Hauptdarstellerin Sonja Gerhardt und ihre Kollegen Gordon Kämmerer und Oliver Konietzny haben nicht nur mimisch viel zu bieten. Nur bei schwierigen Passagen müssen Gerhardt und Kämmerer gedoubelt werden. Mit Wolfgang Stumph, Rainer Bock und Arved Birnbaum sind weitere Rollen prominent besetzt.

Im Fokus der Geschichte steht der 18 Jahre alte Frank (Kämmerer) aus Dessau. Für ihn wird eine TV-Sendung mit Breakdancern zum Schlüsselerlebnis. Bald gehört er mit seinem Kumpel Alex (Konietzky) zum Stammpublikum des Films "Beat Street". Fortan zuckt bei den Jugendlichen in der ostdeutschen Provinz jeder Muskel. Frank und Alex treffen Gleichgesinnte und verlieben sich prompt auch beide in ihre Mittänzerin Matti (Gerhardt), eine frühere Turnerin. In einem alten Industrieviertel, das so heruntergekommen aussieht wie die Bronx zu ihren schlimmsten Zeiten, wird allabendlich Breakdance zelebriert.

Klar bekommt in einem Land wie der DDR umgehend die Staatsmacht davon Wind. Bei einer Vernehmung auf dem Polizeirevier können die Dessau Dancers ihr Faible in letzter Minute noch als Solidaritätsbekundung mit den Armen in Amerika ausgeben. Die örtliche Kommission für Unterhaltungskunst mit ihrem Chef Meinhart (Wolfgang Stumph) lenkt deshalb ein und will die Künste der Jugendlichen als "akrobatischen Schautanz" vermarkten. Frank Co. sind stolz auf ihre Künstlerausweise und machen im ganzen Land Karriere. Dass Anpassung einen Preis hat, merken sie spätestens beim Finale in der TV-Show "Ein Kessel Buntes", wo sie aus Protest die Hüllen fallen lassen.

"Ein bisschen anpassen, das wäre es doch gewesen", sagt der vom Staat bereitgestellte Trainer Hartmann Dietz resigniert. Aber die Dessau Dancers machen nicht mehr mit. Sie verlieren zwar ihren Status, bekommen aber die alten Kumpels von der Straße zurück. Zwischendurch wird die Dramaturgie mit Nebenkonflikten angereichert. Da sind sich Vater und Sohn nicht grün, bisweilen auch Bonzen unterein-ander. Manchmal fühlt man sich an Leander Haußmanns "Sonnenallee" erinnert, mit Gags wird auch bei den Dessau Dancers nicht gegeizt.

Freilich spielen auch all die Klischees eine Rolle, die bei Filmen aller Genres über die DDR inflationär auftreten. Vertreter der Macht sind in der Regel strohdumm, rauchen Kette und irgendwie hat immer der Geheimdienst seine Finger im Spiel. Dass Pioniere untereinander auf offener Straße den Pioniergruß pflegten, gehört gleichfalls zu den unsterblichen Legenden über das Leben in der DDR. Möglicherweise war die DDR aber viel normaler, als sie selbst anstrebte. Das zeigt nicht zuletzt der Film über die Dessau Dancers. Viele Sehnsüchte und Träume unterschieden sich diesseits und jenseits der Mauer kaum. Manchmal war es eben auch im Osten so wie in der Bronx.

Der Kinostart ist am Donnerstag, 16. April.

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