Berlin (epd) l In Deutschland kann nach Überzeugung des Naturschutzbundes (Nabu) das Aufkommen an Plastikmüll drastisch reduziert werden. Eine Reduktion um 80 Prozent bis 2030 sei möglich, heißt es in einer in Berlin vorgestellten Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie im Auftrag des Nabu. Voraussetzung wäre ein energisches Umsteuern durch Verbraucher, Handel und Industrie.

So müssten Produktionsprozesse verbessert und mehr recyceltes Plastik genutzt werden. Bei Verpackungen seien neue Verkaufsstrukturen nötig, etwa unverpacktes Einkaufen. Verbraucher könnten Produkte auch teilen. Das Prinzip "Nutzen statt besitzen" würde damit an Gewicht gewinnen, heißt es in der Studie mit dem Titel "Einsparpotenziale beim Kunststoffeinsatz durch Industrie, Handel und Haushalte in Deutschland".

"Deutschland wird auch in den nächsten 15 Jahren nicht plastikfrei werden. Aber es ist zumindest möglich, die Plastikflut einzudämmen", betonte der für Ressourcenpolitik zuständige Nabu-Experte Benjamin Bongardt. Indus- trievertreter Timothy Glaz vom Mainzer Unternehmen Werner Mertz verwies darauf, dass in Deutschland jährlich rund 1,5 Millionen Tonnen Kunststoff-Verpackungen über die sogenannten gelben Tonnen oder Säcke sowie über das Rücknahmesystem von Pfandflaschen in Supermärkten eingesammelt werden.

Bei etwa zehn Prozent dieser eingesammelten Kunststoffe handele es sich um Polyethylenterephthalat (PET). "PET lässt sich beliebig oft recyceln, es ist nämlich ein unheimlich hochwertiges Material", sagte Glaz. Bislang werde dieser Kunststoff jedoch nur noch einmal umgewandelt, meist zu Fleece für Funktionskleidung. Glaz betonte, die Industrie forsche derzeit an Konzepten, mit denen PET künftig mehrmals aufbereitet und für Verpackungen genutzt werden könnte.

Laut Nabu stieg in den vergangenen 60 Jahren die weltweite Herstellung von Kunststoffen um das 169-fache auf 288 Millionen Tonnen pro Jahr. Damit habe sich auch der Erdöl-Verbrauch und die Freisetzung von Klimagasen erhöht. Es gelangt auch immer mehr Plastikmüll in die Umwelt. So würden dieses Jahr mehr als neun Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere gespült, wo sie häufig die Mägen von Vögeln und Säugern verstopften und später als schadstoffhaltiges Mikroplastik den Weg in die Nahrungskette finden könnten.

Wachsendes Interesse am unverpackten Einkaufen

Vorgestellt wurden in Berlin mehrere Initiativen, die auf eine Reduzierung des Kunststoffverbrauchs abzielen: So gibt es bundesweit mittlerweile mehr als 20 Geschäfte, die ein Sortiment mit Produkten ohne herkömmliche Kunststoffverpackungen anbieten. Insbesondere Trockenprodukte wie Reis, Nudeln oder Linsen werden in den Läden in Stoffbeuteln oder in Gefäßen verpackt, die die Konsumenten selbst mitbringen, erklärte Emilie Florenkowsky von der Initiative "Unverpackt Einkaufen". Flüssigkeiten werden zudem in Glasflaschen abgefüllt, für den Transport der Produkte werden Mehrwegverpackungen verwendet.

Bei Konsumenten und Einzelhändlern in Deutschland sowie anderen Ländern gebe es ein wachsendes Interesse am unverpackten Einkaufen. Das Hauptproblem sei dabei nicht der Verzicht auf die Plastiktüte, sondern der Transport bis zum Geschäft. "Wir suchen deshalb nach neuen Transport- und Logistikstrukturen", sagte Florenkowsky.

Mehr Informationen: www.NABU.de/plastikfrei