Lüneburg - Im Lüneburger Auschwitz-Prozess haben zwei Überlebende in erschütternden Details die Verschleppung ihrer Familien in den Tod geschildert.

Der aus Kanada angereiste Nebenkläger Max Eisen (86) sagte als Zeuge am Donnerstag aus, wie bereits auf dem Bahntransport von Ungarn in das Vernichtungslager Menschen starben. "Werden wir unsere Familien heute wiedersehen?", hätten sein Vater und sein Onkel kurz nach der Trennung an der Rampe in Auschwitz gefragt. "Eure Familien sind durch den Schornstein gegangen", hätten Häftlinge ihnen geantwortet. "Mein Vater und mein Onkel verstanden." Seine Mutter, seine kleine Schwester und seine beiden Brüder hat Eisen nie wieder gesehen - ebenso seine Tante und die Großeltern.

Während eines Arbeitseinsatzes seien Vater und Onkel später zur Vergasung selektiert worden. "Ich konnte mich von ihnen verabschieden - zwei Sekunden lang", berichtet Eisen, der damals 15 war. Sein Vater habe ihn gesegnet und gesagt: "Wenn Du überlebst, wirst Du der Welt erzählen, was passiert ist." Eisen erinnert sich: "Ich wusste, das ist das Ende meiner Familie." Nach einem überstandenen Todesmarsch wurde er im Mai 1945 befreit.

Der in Lüneburg angeklagte frühere SS-Mann Oskar Gröning hatte zuvor erklärt, ihm sei klar gewesen, dass wohl kaum ein Jude lebend aus dem Konzentrationslager herauskommen würde. "Ich konnte mir das nicht vorstellen." Bei den Schilderungen Eisens zeigte der entkräftet wirkende Angeklagte keine große Regung.

Gröning wird Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vorgeworfen. Zu Prozessbeginn hatte er sich zu seiner moralischen Mitschuld bekannt. Der 93-Jährige gestand, im KZ geholfen zu haben, Geld der Häftlinge einzusammeln und an die SS weiterzuleiten. Die Anklage wirft ihm vor, dem NS-Regime so wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Töten unterstützt zu haben.

Ein weiterer Auschwitz-Überlebender, William Glied, sagte am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur, für ihn sei es nicht wichtig, ob Gröning ins Gefängnis komme. Die Welt müsse aber wissen, was passiert sei, denn noch immer gebe es viele Holocaust-Leugner.

Am Nachmittag schilderte Glied dem Gericht, wie er und seine Familie nach Auschwitz verschleppt wurden. "Ich erinnere mich immer noch so, als wäre es gestern gewesen", sagte der 85-Jährige, der heute im kanadischen Toronto lebt. An der Rampe seien Mutter und Schwester nach links geschickt worden, er und der Vater nach rechts. Nach rechts, das hieß: Leben. Mutter und Schwester sah Glied nie wieder. "Ich habe mich nie verabschieden können", sagte er. "Sie sind einfach aus meinem Leben verschwunden."

Die Nebenklage konzentrierte sich am Donnerstag auf die Frage, ob Gröning tatsächlich nur der "Buchhalter von Auschwitz" war, wie er später genannt wurde, oder öfter auch bei der Selektion eintreffender Juden dabei war. Dann könne ihm auch eine Mittäterschaft an den Morden angelastet werden, argumentierte die Nebenklage. Gröning hatte ausgesagt, an der Rampe in Auschwitz-Birkenau in der fraglichen Zeit nur dreimal im Einsatz gewesen zu sein.

"Das Ende meiner Familie": Auschwitz-Überl...

Lüneburg - Im Lüneburger Auschwitz-Prozess haben zwei Überlebende in erschütternden Details die Verschleppung ihrer Familien in den Tod geschildert.

  • Dem angeklagten Oskar Gröning war klar, dass wohl kaum ein Jude das Konzentrationslager überleben würde.

    Dem angeklagten Oskar Gröning war klar, dass wohl kaum ein Jude das Konzentrationslager überle...
    Quelle: Julian Stratenschulte

  • Der Angeklagte Oskar Gröning kommt mit einem Rollator in den Gerichtssaal in Lüneburg.

    Der Angeklagte Oskar Gröning kommt mit einem Rollator in den Gerichtssaal in Lüneburg.
    Quelle: Julian Stratenschulte