Bergen-Belsen - Bei der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor 70 Jahren hat Bundespräsident Joachim Gauck zum Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen weltweit aufgerufen.

Das Staatsoberhaupt erinnerte an die "unermessliche Schuld" der Deutschen: Orte wie Bergen-Belsen, Buchenwald oder Dachau seien Symbole für die politische, moralische, kulturelle und humanitäre Katastrophe, zu der das "Dritte Reich" geführt habe. Zu der Gedenkfeier auf das Gelände des ehemaligen KZ waren am Sonntag mehr als 1000 Menschen gekommen, darunter auch rund 90 Überlebende.

Gauck betonte, Deutschland sei Teil einer Verantwortungsgemeinschaft, die sich dazu bekenne, die Würde des Menschen zu verteidigen. "Wo wir nur können, werden wir Unrecht ein Ende setzen." Der Bundespräsident dankte dem britischen Militär für die Befreiung des Lagers kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. "Die britischen Soldaten waren Botschafter einer demokratischen Kultur, die nicht auf Rache am Feind bedacht war, sondern dem Recht und der Menschenwürde auch in Deutschland wieder zu neuer Geltung verhelfen sollte."

Am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg in Bayern rief Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) alle Demokraten zu großer Wachsamkeit auf. "Wir müssen für unsere Werte kämpfen", sagte Seehofer in der Oberpfälzer Gedenkstätte. "Menschenverachtende Ideologien dürfen bei uns nie wieder Fuß fassen." Im einstigen KZ Natzweiler-Struthof im Elsass enthüllte der französische Präsident François Hollande Gedenkplatten für die Opfer.

In Bergen-Belsen beklagte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, ein Wiederaufleben des Antisemitismus. "Im Jahr 2015 sehen wir den Antisemitismus auf dem Vormarsch in Europa." Ein jüdischer Junge mit Kippa könne nicht durch Paris oder London laufen, ohne um sein Leben zu fürchten. Neonazi-Gruppen gewännen Parlamentssitze in Ungarn und Griechenland, und der Iran drohe regelmäßig mit der Auslöschung Israels.

Lauder hob den Überlebenswillen der befreiten Juden hervor, die von einem Displaced Persons Camp für heimatlose Juden von Bergen-Belsen aus die Gründung Israels vorangetrieben hatten. Dieser Staat habe immer wieder sich selbst und die Juden weltweit verteidigt. Israel werde den neuen Bedrohungen nicht tatenlos zusehen, sagte Lauder.

An die Überlebenden gerichtet betonte er: "Wenn Sie diesen Ort heute ein letztes Mal verlassen, bedenken Sie: Es gibt eine jüngere Generation von Juden, die sich verpflichtet hat sicherzustellen, dass das jüdische Volk nie mehr Opfer eines solchen Bösen wird."

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, äußerte die Hoffnung, dass einige der noch lebenden NS-Täter noch zur Verantwortung gezogen würden. "Viel zu viele Täter sind ungeschoren davongekommen." Im nördlich gelegenen Lüneburg steht der frühere SS-Mann Oskar Gröning wegen seines Einsatzes im KZ Auschwitz vor Gericht.

200 000 Menschen waren in das Lager Bergen-Belsen am Südrand der Lüneburger Heide deportiert worden. Über 70 000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge kamen ums Leben, darunter die 15-jährige Anne Frank, die durch ihre Tagebücher posthum weltbekannt wurde. Als britische Soldaten das Lager befreiten, fanden sie rund 10 000 Leichen auf dem Gelände. Die Schreckensbilder gingen um die Welt.