Magdeburg l In der Kindheit und Jugend bilden sich in unserem Körper die Fettzellen. Stubenhocker mit Vorliebe für Cola und Chips haben gute Aussichten, möglichst viele davon abzubekommen. Wer meint, der Speck würde sich dann später schon irgendwie in Luft auflösen, macht sich übertrieben große Hoffnungen, denn die Wissenschaft ist sich weitgehend einig: Was wir in den ersten 20 Lebensjahren "herangezüchtet" haben, kriegen wir später nicht mehr los.

Zwar können sich die Fettzellen füllen oder leeren - je nach Ernährung und Bewegung. Aber an ihrer Menge ist kaum mehr zu rütteln. Das Potenzial wird also früh gebildet. Ernährungswissenschaftler Ronald Biemann von der Uni Magdeburg: "Wer in seiner Kindheit weniger Fettzellen bildet, hat es später einfacher, in Form zu bleiben. Umgekehrt haben es dicke Kinder und Jugendliche später deutlich schwerer, Gewicht zu verlieren und dann auch schlank zu bleiben. Das ist neben anderen Ursachen eine Erklärung dafür, warum manche trotz einiger süßer Sünden kaum zunehmen, andere aber schnell zulegen, sobald sie über die Stränge schlagen."

Was Eltern tun können, damit ihre Süßen in Form bleiben - oder aber wieder in Form kommen, damit befasst sich seit mehr als 20 Jahren das Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund. Die Experten haben einen Plan sowie Rezepte für eine optimierte Mischkost entwickelt (www.optimix-schmeckt.de/):

l Eltern sind Vorbild. Mama süße Limo und Sohnemann Leitungswasser - das geht nicht.
l Es gibt keinen Zwang - eine Umgewöhnung erfolgt schrittweise.
l Es gibt keine Diäten und absolute Schokaladenverbote. Die Wissenschaftler empfehlen eine optimierte Mischkost: reichlich Gemüse, Obst und Getränke; in Maßen tierische Produkte sowie wenig Fett und Süßigkeiten. Aber Süßes gehört dazu. Etwa zehn Prozent der Kalorien dürfen durchaus aus Schleckereien bestehen.

Worauf ist zu achten?

Getränke
Die Fachleute empfehlen Wasser - am besten Leitungswasser. So einfach, so schwer. Viele Kinder kleben an ihren Gewohnheiten: Limo, Saft, Milch-Mix-Getränke. Wie umgewöhnen? Professor Mathilde Kersting, stellvertretende Institutsleiterin, sagt: "Das geht nur in kleinen Schritten - nicht per Befehl." Am besten ist es, süße Getränke mit etwas Wasser zu verdünnen - jeden Tag ein kleines bisschen mehr.

Vorsicht bei Fruchtsäften
Da steckt viel Zucker drin. Der süße Stoff macht Hunger und hemmt die Fettverbrennung. Besser Apfel statt Apfelsaft. Dann tankt Ihr Kind Vitamine, aber deutlich weniger Zucker. "Obst ist zum Essen da, nicht zum Trinken", sagt Kersting. Schon Babys sollten gar nicht erst an süße Säfte gewöhnt werden. Auch für die Kleinsten sind Wasser oder ungesüßte Tees deutlich gesünder.

Auch Milch und Milchprodukte gehören auf den Tisch. Die Kalziumspender sind wichtig für Knochen und Zähne. Ein großes Glas Milch, ein Joghurt und ein Käsebrot liefern die nötige Tagesmenge.

Gemüse - ein großes Problemthema
Studien zeigen, dass die meisten Kinder deutlich zu wenig davon essen. Weil die Eltern nichts Grünes mögen oder weil sie es rundweg ablehnen. Fachleute empfehlen Rohkost, da viele Kinder das lieber mögen als gekochtes Gemüse. "Kinder müssen nicht jedes Gemüse essen", sagt Kersting. Es gehen auch Tomate und Gurke. Oder die Karotte, die mild-süßlich schmeckt. Wichtig für Eltern: Nicht die Geduld verlieren, sondern selber durch gutes Beispiel vorangehen.

Brot, Nudeln, Reis
Etwa die Hälfte davon sollte aus Vollkorn sein. Das sättigt besser, zudem stecken da viele gesunde Mineralien und Vitamine drin. Auch von Knäcke oder Zwieback gibt es Vollkornvarianten. Vollkornnudeln sind nicht jedermanns Sache. Da hilft es, ein paar der dunklen Spaghetti unter die normalen zu mischen. Bei Fetten empfiehlt das Institut Rapsöl - zum Kochen oder für Salate.

Viele Kinder sind zu dick. Bei den Kleinen (3 bis 6 Jahre) sind es 10 Prozent, bei den Grundschülern schon 20 Prozent, bei Jugendlichen (14 bis 17) jeder Vierte, schreibt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Falsche Ernährung und Bewegungsmangel sind die häufigsten Ursachen. Mit dem Gewicht steigt das Risiko für Krankheiten im Erwachsenenalter (Zucker, Hormonstörungen, Bluthochdruck, Rückenschmerzen). Durch Ausgrenzungen können psychische Probleme wachsen.

Ob Ihr Kind Übergewicht hat, stellt am besten der Kinderarzt fest. Für jedes Alter und jede Körpergröße gibt es differenzierte Werte. Vorinformieren kann man sich gut im Internet. Der Kinderärzte-Berufsverband hat einen Rechner ins Netz gestellt (www.kinder-aerzte-im-netz.de/mediathek/bmi-rechner/).

Und es gibt noch eine Besonderheit: Bei Kindern müssen nicht die Pfunde purzeln, es reicht oft schon, wenn zu Mollige ihr Gewicht halten. Denn durch das Wachstum gleicht sich das im Laufe der Zeit wieder aus. Dabei bleiben die einmal gebildeten Fettzellen allerdings erhalten.