Bremen (AFP/cm) | Erst kam die Enttäuschung, keine 20 Stunden später der Rücktritt: Jens Böhrnsen will nach den schweren Verlusten der SPD nicht mehr Bremer Bürgermeister sein. Am Montag teilte er kurz und knapp mit, dass er nicht noch einmal für den Posten kandidieren werde. So sorgte der 65-Jährige am Tag nach der Wahl für das, was viele Bremer während des Wahlkampfs vermisst hatten - für ordentlich Wirbel.

Denn der gebürtige Bremer mochte es stets bedächtig. Getöse, Internet-Homepage, TV-Duell - all das lehnte Bremens SPD-Bürgermeister im Wahlkampf ab. Die Verluste von rund fünf Prozentpunkten für die SPD und das wahrscheinlich schlechteste Ergebnisse der Nachkriegszeit in der Hansestadt gehen vielleicht genau deshalb auch auf Böhrnsens Konto. Am Wahlabend hatte er zwar das "bittere Ergebnis" bedauert, gleichwohl aber seinen Willen zum Weiterregieren betont. Was ihn genau dazu bewog, später in der Wahlnacht dann doch die Meinung zu wechseln, blieb zunächst unklar.

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs regiert in Bremen die SPD, im November 2005 übernahm der Ex-Verwaltungsrichter Böhrnsen die Führung des kleinsten deutschen Bundeslandes. Wenn es so etwas wie eine Hochburg der Sozialdemokraten auf Landesebene gibt, dann ist es Bremen. So sagten es auch die Umfragen der vergangenen Wochen - und Böhrnsen glaubte sich sicher. Für hektische Aktivität im Wahlkampf sah er wenig Anlass.

Dabei steht längst nicht alles zum Besten in der beschaulichen Hansestadt, die das Ende des Werftenzeitalters bis heute nicht verwunden hat und zu den Ländern mit der prekärsten Finanzlage gehört. Der Bürgermeister selbst räumte am Wahlabend zerknirscht ein, vor allem das Problem der soziales Spaltung nicht gelöst zu haben.

Zu Böhrnsens Charakter gehört es, dass es ihm schwer fällt, auf Menschen zuzugehen. Als "menschenscheuer Politiker" wurde der Fan des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen und der Rockband Rolling Stones immer wieder tituliert.

Böhrnsen entstammt einer alten sozialdemokratischen Bremer Familie, wuchs in der Hansestadt auf und war dort als Jurist tätig. Bereits als Jugendlicher trat er in die SPD ein und arbeitete sich allmählich nach oben. Von 1995 bis 2005 war er Bürgerschaftsabgeordneter, ab 1999 zugleich SPD-Fraktionschef. Böhrnsen ist ein Genosse alter Schule. Sein zentrales politisches Projekt war der Kampf für eine soziale Gesellschaft. Dennoch versuchte er sich an der Sanierung des maroden Bremer Etats durch einen verschärften Sparkurs.

Persönlich musste Böhrnsen im Wahlkampf 2007 einen schweren Schicksalsschlag einstecken: Seine zweite Frau starb an den Folgen einer Hirnblutung. 2011 heiratete Böhrnsen erneut. Seine Frau Birgit Rüst ist Leiterin eines schulischen Beratungszentrums im Bremer Stadtteil Vegesack, beide haben je zwei erwachsene Kinder. Auch ein Enkel gehört zur Patchwork-Familie.

Bundespolitisch trat Böhrnsen selten in Erscheinung, abgesehen von den Diskussionen über den für Bremen so lebenswichtigen Länderfinanzausgleich. Nur einmal war das anders: Nach dem plötzlichen Rücktritt von Horst Köhler als Bundespräsident übernahm er 2010 als damaliger Bundesratspräsident für 30 Tage kommissarisch dessen Amt. Es sei eine "spannende Zeit" gewesen, sagte er später. Auf den Geschmack kam er indes nicht. "Das nehme ich als schöne Erfahrung mit. Aber mein Herzblut ist und bleibt Bremen." Künftig hat Böhrnsen wieder mehr Zeit, sich auch privat der Stadt an der Weser zu widmen.