Magdeburg l Hat das kindliche Immunsystem zu wenig zu tun, dann langweilt es sich und sucht sich Beschäftigung. Da das Immunsystem über ein Gedächtnis verfügt, kann dies für das ganze Leben angelegt werden. Die Folge ist, dass es Allergien gegen an sich harmlose Dinge in seiner Umwelt entwickelt, zum Beispiel Hausstaubmilben oder Blütenpollen.

Die Professorin Monika Brunner-Weinzierl von der Universitätskinderklinik Magdeburg hat zusammen mit ihrer Abteilung und dem Ärzteteam nach mehrjähriger Forschung jetzt den Nachweis dafür auf molekularer Ebene erbracht. "Wir haben erstmals im Labor nachgewiesen, warum Kinder vom Bauernhof gesünder sind", berichtet die Biologin. Denn ihr Immunsystem sei besser ausgebildet.

Bei den "Bauernhöfen" sind allerdings keine modernen, spezialisierten Hochleistungsmastbetriebe, sondern traditionelle Bauernhöfe mit Viehwirtschaft und Ackerbau, wie sie früher weiter verbreitet waren und heute fast nur noch in der biologischen Landwirtschaft oder auf Ferienhöfen vorkommen, gemeint.

Kontakt mit Keimen beschäftigt Immunzellen


Grund für die bessere Gesundheit sei, dass diese Kinder von Geburt an mit einer Vielzahl von Keimen, zum Beispiel durch unterschiedliche Hoftiere, konfrontiert wurden. Dadurch waren die Immunzellen beschäftigt. Das ist wichtig, wie die Forschung von Brunner-Weinzierl ergeben hat. Denn fehlt die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Keimen, dann werden bereits in frühester Kindheit die Grundlagen für spätere Allergien gelegt.

Häufig beginnt es im Säuglingsalter mit Neurodermitis und Nahrungsmittelallergien und entwickelt sich über die Kindheitsjahre bis hin zu Asthma und Heuschnupfen. Die Mediziner sprechen dann von einem sogenannten "allergischen Marsch". Brunner-Weinzierl warnt deshalb Eltern vor übertriebener Hygiene. Der Kontakt mit vielen unterschiedlichen Tieren sei empfehlenswert.

Hunde senken erwiesenermaßen das Asthma- und Heuschnupfen-Risiko. Katzen sollten jedoch in Familien mit erhöhtem Allergierisiko nicht angeschafft werden. Hausstaubmilben, die gerne in Matratzen oder Bettzeug stecken, sollten ebenfalls nicht aus Präventionsgründen bekämpft werden. Auch der Kontakt mit Geschwistern und der frühe Besuch einer Kita seien förderlich zum Schutz vor Allergien.

Vorsicht vor Antibiotika in der Schwangerschaft


Inzwischen haben Studien nachgewiesen, dass es für das Kind sogar gut sein kann, wenn die Mutter den herabgefallenen Schnuller ableckt und dann ihrem Kind in den Mund steckt. Das war lange Zeit verpönt. "Auf das Händewaschen nach dem Straßenbahnfahren, dem Gang zur Toilette oder vor den Mahlzeiten sollte aber trotzdem nicht verzichtet werden", sagt die Biologin, die selbst zwei Kinder hat.

Auch der Einsatz von Antibiotika in der Schwangerschaft und dem ersten Lebensjahr des Kindes sollte wohlüberlegt sein. Denn es gibt Hinweise, dass diese das Allergierisiko erhöhen. Die US-Forscherin Christine Cole Johnson und ihr Team vom Henry-Ford-Universitätsklinikum in Detroit hatten herausgefunden, dass Kinder, die im ersten Halbjahr ihres Lebens ein oder mehrmals Antibiotika schlucken mussten, im Schulalter anderthalbfach häufiger an Allergien litten als andere Gleichaltrige. Das Risiko, an Asthma zu erkranken, erhöhte sich um das Zweieinhalbfache. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antibiotika und der Entwicklung von allergischen Erkrankungen konnte allerdings bislang nicht bestätigt werden.

Da das Immunsystem des Kindes bereits ab dem dritten Schwangerschaftsmonat entwickelt werde, können auch Schwangere bereits etwas für den Allergieschutz tun, indem sie sich möglichst ausgewogen ernähren und nicht auf Allergene, zum Beispiel Nüsse oder Fisch, verzichten. Der Verzehr von Fisch wird sogar ausdrücklich empfohlen.

Tabakrauch erhöht Asthmarisiko


Zur Allergieprävention ist laut Brunner-Weinzierl außerdem ratsam, vier Monate lang voll zu stillen und dann mit Beikost zu beginnen. Eine zu späte Einführung von Beikost mit den darin enthaltenen pozentiellen Allergieauslösern kann das Risiko für die Allergieentstehung eher wieder erhöhen. Übergewicht, Tabakrauch und Abgase erhöhen das Asthmarisiko und sollten vermieden werden. Ihr Team sucht nun nach Möglichkeiten, die übersensibilisierten Immunzellen von Allergikern so umzuprogrammieren, dass sie ruhiggestellt werden oder zumindest keine Antikörper mehr bilden können. Das soll später mithilfe von Medikamenten geschehen.

Derzeit werden in Magdeburg sowie deutschlandweit Blutproben ausgewertet, in denen Forscher nach den allergieauslösenden Zellen suchen, die im Kindesalter noch eine andere Ausprägung haben, sogenannte Interleukin 4 ic. Bei der Blutentnahme wird auch abgefragt, wie die Probanden aufgewachsen sind.

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