Bei ihrem Antrittsbesuch in Sachsen-Anhalt war die niederländische Botschafterin Monique van Daalen am Mittwoch auch Gast bei der Volksstimme. Steffen Honig sprach mit der Diplomatin.

Volksstimme: Frau Botschafterin, mit dem Christdemokraten Kees de Vries aus Anhalt kommt der erste niederländisch-stämmige Bundestagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt. Nur ein Symbol für die Niederlande oder mehr?

Monique van Daalen:Es ist mehr als ein Symbol. Es ist ein Beweis für die guten Beziehungen. Ich halte es auch für ein gutes Zeichen, dass sich ein Niederländer hier so zu Hause fühlt, dass er sogar in die Politik geht.

Volksstimme: De Vries ist landwirtschaftlicher Unternehmer, betätigt sich also auf einem wichtigen Feld für Niederländer hier. Wo sind Wirtschaftsbeziehungen darüber hinaus besonders entwickelt?

Van Daalen:Wir sind für Sachsen-Anhalt der drittgrößte Exporteur und der fünftgrößte Importeur. Neben der Landwirtschaft spielen besonders Chemieindustrie und Maschinenbau eine Rolle. Die weitere Entwicklung hängt auch von der wirtschaftlichen Dynamik in Sachsen-Anhalt ab.

Volksstimme: Sehen Sie Potenzial in Bezug auf die Energiewende?

Van Daalen: Die Energiesysteme sind eng verbunden, deutscher Stromüberschuss wird in die Niederlande exportiert. Energieerzeuger wie Zulieferer beider Länder sind stark verknüpft. Das niederländische Unternehmen Tennet betreibt das Hochspannungsnetz in den Niederlanden und in großen Teilen von Deutschland. Viel wird davon abhängen, wie der neue Minister Sigmar Gabriel die Energiewende gestalten will.

Volksstimme: Wie ist das Image Sachsen-Anhalts bei der niederländischen Wirtschaft?

Van Daalen: Das ergibt sich aus dem Profil der Betriebe. Sachsen-Anhalt ist ideal für holländische Bauern, weil es hier Raum und entsprechendes Know-how gibt. Für Autozulieferer sind Baden-Württemberg oder Bayern interessanter, weil dort die Hersteller sind. Wir sind pragmatisch und gehen dahin, wo man Geld verdienen kann. Außerdem ist Nordrhein-Westfalen schon durch die Grenznähe unser wichtigster Partner.

Volksstimme: Machen die Niederländer noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Van Daalen
: Sachsen-Anhalt ist sicher der Mehrheit der Niederländer weniger ein Begriff als beispielsweise Berlin. Die touristischen Sehenswürdigkeiten hier sind noch nicht so bekannt. Um dies zu ändern, muss auch die notwendige Infrastruktur weiter ausgebaut werden, wie etwa Fahrradwege und Gastronomie. Da gibt es noch viele Möglichkeiten.

Volksstimme:Oranienbaum verkörpert ein Stück Niederlande mitten in Sachsen-Anhalt. Die Königin war 2012 da, wann ist mit einem Besuch des neuen Königs Willem-Alexander zu rechnen?

Van Daalen:Ich weiß, dass die ehemalige Königin Beatrix sehr beeindruckt von ihrem Besuch in Oranienbaum war. Der König war im vergangenen Jahr auch schon in Deutschland und wird wiederkommen. Ob und wann er Sachsen- Anhalt besuchen wird, kann ich jedoch heute noch nicht sagen.

Volksstimme: 2017 wäre ein guter Zeitpunkt - dann wird das Lutherjahr begangen, mit Wittenberg unweit von Oranienbaum im Mittelpunkt ...

Van Daalen:Die Holländer sind noch ein bisschen säkularisierter als die Deutschen. Dennoch ist das Lutherjahr auch für uns wichtig. Im Oktober 2017 wird es einen protestantischen Kirchentag und eine Gedenkfeier im Utrechter Dom geben.

Volksstimme: Zwischen Deutschland und seinen Nachbarn wie den Niederlanden kocht der Konflikt um die Maut für ausländische Pkw-Fahrer hoch. Wird Den Haag ebenfalls eine Autobahngebühr einführen, wenn die Maut in Deutschland kommt?

Van Daalen: Unsere Ministerin für Infrastruktur und Umwelt hat zunächst in einem Brief an den ehemaligen Verkehrsminister Peter Ramsauer ihre Sorgen geäußert und bittet die Bundesregierung um genaue Erläuterung der Mautpläne. Darauf gab es bisher keine Antwort. Wir müssen zunächst genau wissen, worum es geht und wünschen uns darum kurzfristig ein Gespräch mit Verkehrsminister Dobrindt.

Volksstimme: An eine Maut-Erhebung in den Niederlanden ist nicht gedacht?

Van Daalen: Nein, das wird bisher nicht in Erwägung gezogen.

Volksstimme: Die Niederlande haben wirtschaftliche Sorgen, die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie 2009. Was unternimmt die Regierung dagegen?

Van Daalen: Die Niederlande haben als stark exportorientietes Land besonders unter der weltweiten Finanzkrise gelitten. Ein hartes Sparprogramm war die Folge. Die Einkommen der Beamten sind für fünf Jahre eingefroren worden, Sozialleistungen wurden gekürzt. Jetzt gibt es Zeichen der wirtschaftlichen Erholung - 2015 hoffen wir wieder auf Wachstum.