Mit einer Gedenkstunde ist am Montag im Bundestag an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus erinnert worden.

Berlin (epd)l An der Veranstaltung am 69. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und des 70. Jahrestages der Befreiung Leningrads von der Einkesselung durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Vertreter weiterer Verfassungsorgane wie Bundesrat und Bundesverfassungsgericht sowie zahlreiche Gäste teil. Die Gedenkrede hielt der russische Schriftsteller und Zeitzeuge Daniil Granin. Der 95-Jährige kämpfte als Freiwilliger im Zweiten Weltkrieg und überlebte die Blockade von Leningrad.

In seiner Rede berichtete Granin von seinen persönlichen Erinnerungen an die 900-tägige Belagerung seiner Heimatstadt und aus Aufzeichnungen und Interviews anderer Zeitzeugen. Granin sprach von "katastrophalen Ereignissen", die sich schon sehr bald nach Beginn der Belagerung in Leningrad eingestellt hätten. Es habe in der Stadt keinen Strom, kein Wasser und kein Gas mehr gegeben. Es sei zu tagelangen Bränden gekommen, weil nicht einmal Löschwasser vorhanden gewesen sei. Die Lebensmittelversorgung sei katastrophal gewesen. Täglich seien mehrere tausend Menschen vor Hunger gestorben.

Er habe bei seinen damaligen Besuchen als Soldat in der Stadt gesehen, wie sich die Verhältnisse während der Blockade immer weiter verschlimmerten, sagte Granin. Er habe den Deutschen lange nicht verzeihen können, die auf die Kapitulation der Stadt gewartet hätten.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) gedachte auch aller weiteren Opfergruppen, die während der NS-Gewaltherrschaft und des von Deutschland ausgegangenen Vernichtungskrieges Heimat, Gesundheit und Leben verloren hatten. Dazu zählten Juden, Sinti und Roma, Kranke und Behinderte, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, Opfer der Kindertransporte, Kriegsgefangene und die zu "Untermenschen" degradierten slawischen Völker. Das Gedenken gelte auch all jenen, die in den Vernichtungslagern ermordet wurden, sowie jenen, die verfolgt und getötet wurden, weil sie Widerstand leisteten oder anderen Schutz und Hilfe gewährten. "Uns treibt bis heute die Frage um, wie ist eine solche Entmenschlichung möglich geworden", sagte Lammert.

Deutschland habe für die Erinnerung bis heute eine herausragende Verantwortung: "Nie wieder dürfen Staat und Gesellschaft zulassen, dass Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung, ihrer sexuellen Orientierung, wegen ihrer Andersartigkeit zum Feindbild einer schweigenden Mehrheit gemacht, verachtet, gedemütigt oder bedroht werden", sagte der Bundestagspräsident. "In Deutschland ist Intoleranz nicht mehr tolerierbar", sagte Lammert unter dem Beifall der Abgeordneten und Gäste der Gedenkstunde.