Der Motor läuft langsam an bei Ursula Engelen-Kefer. Doch nach wenigen Minuten hat sie Betriebstemperatur erreicht: Die heute 70-jährige frühere DGB-Vizechefin erläutert bei einem Forum der Ebert-Stiftung in Magdeburg das EU-Instrumentarium zur Bekämpfung der exorbitanten Jugendarbeitslosigkeit. Und nimmt es dabei gründlich auseinander.

Sicher, die Europäische Union habe das Thema Jugendarbeitslosigkeit seit langem im Blick, sagt Engelen-Kefer, die seit Jahrzehnten in Deutschland und international als Anwältin von Arbeitnehmerinteressen unterwegs ist. Die Säulen der EU für mehr Beschäftigung junger Leute seien Ausbildung, Sozialfonds, Europäische Investitionsbank und neuerdings die europaweite Vermittlung.

Nicht Böswilligkeit, sondern fehlende Möglichkeiten

Seit einem knappen Jahr verspricht die EU nun per Beschäftigungsgarantie, dass junge Menschen unter 25 Jahren nicht länger als vier Monate auf Beschäftigung oder Ausbildung warten sollen. Die Mitgliedsländer erhielten Zielvorgaben, müssten berichten und bekämen dann Empfehlungen. "Ein endloser Prozess", konstatiert die Arbeitsmarktexpertin. Dass die Erfolge beim Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit so gering seien, liege nicht an "Böswilligkeit und Ignoranz, sondern den fehlenden Möglichkeiten". Es bräuchte professionelle Tarifparteien und Strukturen der Arbeitsverwaltung ähnlich denen in Deutschland, mit der neben Österreich niedrigsten Jugendarbeitslosigkeits-Quote.

Doch die EU-Mitgliedsländer ließen sich eben nicht in die Karten sehen. Die europaerfahrene Engelen-Kefer erinnert sich auch stöhnend an manche Förderbegehren für den Sozialfonds: "Man wusste nie, ob die Anträge aus dem italienischen Mezzogiorno stimmten. Meist stimmten sie nicht."

Immerhin: Das duale Ausbildungssystem in Deutschland findet Engelen-Kefer weiter herausragend für Europa. Mit Einschränkungen, wie Mitdiskutant Kay Senius, Regionalchef der Bundesarbeitsagentur für Sachsen-Anhalt und Thüringen, aus seinen praktischen Erfahrungen weiß. Er verweist auf die hohen Abbrecherquoten in den sachsen-anhaltischen Ausbildungsbetrieben. Diese würden durchschnittlich 30 Prozent betragen, bei Köchen und Hotelberufen sogar bei 60 Prozent.

Berufsberatung als ein Stück Lebensberatung

Dies zu ändern, müsse bei der Schule beginnen, wo die Abbrecherquote in Sachsen-Anhalt mit 11,5 Prozent weit über dem Bundesschnitt von 5 Prozent liege. "Investitionen in Schulen sind Investitionen an der richtigen Stelle", betont er. Auch das Übergangsmanagement von der Schule ins Berufsleben müsse verbessert werden. Senius schwebt dafür ein spezieller Ausbildungsmanager vor. Dann wäre da noch die Berufsberatung, die sich stärker an den Chancenberufen der Region orientieren und ein Stück Lebensberatung sein müsse - einschließlich der Verdienstfragen. Trotzdem werde eine Fachkräftelücke bleiben die nur durch "Zuzug von außen" zu schließen sei.

Womit wieder die europäische Dimension erreicht ist. Engelen-Kefer mahnt an, bei der Arbeitskräfte-Anwerbung mit Maß vorzugehen: "Wir können nicht die Akademiker aus Spanien herausholen und in unsere Altersheime stecken."

Für die ebenfalls im Podium sitzende Victoria Oriolo, Sachsen-Anhalts SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahlen, ist die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenstaaten des europäischen Südens "nicht vom Himmel gefallen, sondern Sache der Wirtschaftspolitik". Die EU-Mittel für die Beschäftigungsgarantie junger Leute seien verschwindend gering gegen die Milliarden für die Bankenrettung.

Ursula Engelen-Kefer hat ihre Thesen zur aktuellen Lage in dem Buch "Eine verlorene Generation? Jugendarbeitslosigkeit in Europa" zusammengefasst. Sie befürchtet, dass der Jugendarbeitslosigkeit nicht durch die Stärkung der Wirtschaft in den Krisenländern, sondern mit einer Deregulierung des Arbeitsmarktes begegnet wird.

Ein Indiz dafür sieht sie beispielsweise in der Berufung von Peter Hartz als Reform-Berater des französischen Präsidenten François Hollande. Dass die Hartz-Reformen bis heute positiv gesehen würden, ärgert Engelen-Kefer gewaltig: "7,4 Millionen Mini-Jobs in Deutschland - das ist doch irre!"