Berlin l Den Grünen steht an diesem Wochenende ein launiger Parteitag ins Haus. In Dresden will die Öko-Partei ihr Personal für die Europawahl am 25. Mai formieren. Und wie so oft ist das Gerangel um Spitzenpositionen besonders groß.

Mit Spannung erwarten die Delegierten vor allem die Abstimmung um Platz eins. Das Partei-Drehbuch sah bislang vor, dass die 57-jährige Rebecca Harms die Liste anführt. Franziska "Ska" Keller aus Brandenburg hat es aber nun über den Haufen geworden.

Die 32-jährige Europaabgeordnete will Harms, der arrivierten Anti-Atom-Kämpferin aus dem Wendland, den Spitzenplatz streitig machen. Es ist ein Duell Jung gegen Alt, ein Kräftemessen zwischen dem erfahrenen Establishment und dem Lager der ehrgeizigen Jungpolitiker. Es ist somit auch ein schönes Beispiel dafür, dass sich nicht mehr nur Politiker auf ihre alten Tage für Europa interessieren.

Dass sich nun Ska Keller Chancen auf die Spitzenkandidatur ausrechnet, kommt nicht von ungefähr. Im Januar hat sie sich gegen ihre Parteifreundin Harms als europaweite Spitzenkandidatin aller grünen Parteien schon einmal durchgesetzt. Aus Kellers Sicht ist es daher ein logischer Schritt, nun auch die deutsche Liste der Öko-Partei anzuführen. Die Argumentation der forschen Nachwuchspolitikerin hat jedoch einen Schönheitsfehler.

Zur Kür der zwei europäischen Spitzenkandidaten wagten die Grünen das Experiment, über die weiblichen und männlichen Bewerber im Internet abstimmen zu lassen. Und obwohl bei der GreenPrimary nicht etwa nur Parteimitglieder, sondern alle EU-Bürger mitmachen durften, fiel die Wahlbeteiligung verschwindend gering aus.

"In Dresden werden nicht nur Junge abstimmen."

Bei den Frauen gewann Keller die Abstimmung mit 11 800 Stimmen, Harms verlor mit 8100 Stimmen - und das bei zig Millionen Menschen, die wahlberechtigt waren. Nicht anders verlief es bei den Männern, am Ende gewann der Franzose José Bové.

Den Anhängern von Harms fällt es daher leicht, den Führungsanspruch Kellers infrage zu stellen. Stuttgarts grüner Oberbürgermeister Fritz Kuhn etwa bezeichnete die Vorwahl als "Witz". Und auch Jürgen Trittin soll sich für Harms ausgesprochen haben. Sie ist auch nicht nur wegen ihrer Anti-Atom-Haltung geachtet. Zuletzt war Harms Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, gilt als erfahrene Politikerin.

Auf die Delegierten aus Sachsen-Anhalt kann jedoch wohl eher Ska Keller bauen. Sie ist für die hiesigen Grünen Ansprechpartnerin Nummer eins, wenn es um die EU geht. Allerdings ist auch eine führende Grüne aus der Magdeburger Politik skeptisch, was Kellers Wahlchancen betrifft. "In Dresden werden ja nicht nur die Jungen abstimmen, sondern auch ältere Delegierte, die um die Verdienste von Rebecca Harms wissen", sagt sie. Die Abstimmung werde mit Sicherheit sehr knapp ausgehen.

Trotzdem ist das für Ska Keller kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Sie hat sich schließlich auch inhaltlich profiliert. Sie tritt als Kritikerin europäischer Flüchtlingspolitik auf und kämpft für den Schutz von Verbraucherrechten beim geplanten Freihandelsabkommen mit den USA. Sie besetzt damit gleich zwei Themen, die in nächster Zeit wohl noch Wellen schlagen.

Und letztlich müssten sich die Grünen auch darüber im Klaren seien, dass ihre GreenPrimary im Nachhinein vom Witz zur Farce geraten würde, wenn Keller als europäische Spitzenkandidatin nun gegen Harms auf der nationalen Liste den Kürzeren ziehen würde.

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