Zahlen und Fakten

Von den rund zwei Millionen Bewohnern der Halbinsel Krim sind 58 Prozent Russen, 28 Prozent Ukrainer und etwa 13 Prozent Krimtataren (knapp 300000 Menschen). Hinzu kommen weitere Volksgruppen.

Für die Tataren gibt es auf der Krim nationale 15 Schulen und zwei Gymnasien. Dabei sprechen 40 Prozent der Schüler Krimtatarisch.

Bei der Rückkehr auf die Krim war es den Tataren verwehrt, sich in ihrem traditionellen Siedlungsgebiet an der Küste niederzulassen. Häufig kamen sie in Gebiete ohne Infrastruktur und mussten diese mühsam schaffen.

Magdeburg l Wir wollen weder zu Opfern noch zu Tätern deklariert werden", erklärt Ahmet Özay. Bei einem Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Magdeburg äußert sich der Deutschland-Vertreter des krimtatarischen Nationalrates "Milliy Medschlis" zur Situation seiner Landsleute unter russischer Besatzung. Unterstützt wird er von Mieste Hotopp-Riecke, Turkologe und Islamwissenschaftler aus Magdeburg.

Die Opferrolle ist für die Krimtataren noch immer ein Trauma. Der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt, wurde ihr Volk unter Stalin in den Osten der damaligen Sowjetunion deportiert. Erst in den vergangenen 25 Jahren sind die Tataren in ihre angestammte Heimat zurückgekehrt und wollen dort endgültig bleiben. "Es gab vor der Besatzung durch Putin ein gleichberechtigtes Dasein für alle auf der Krim. Wir wollen dort leben und andere leben lassen", sagt Özay. "Bisher ist für uns von Unterdrückung noch nichts zu spüren."

Das andere Extrem wäre für die muslimischen Krimtataren, wenn sie Anlass zu einem Religionskrieg geben und mithin zu Tätern gemacht werden würden. Islamismus gebe es bei den Krimtataren aber nicht, erklärt Özay, er könne nur von außen hereingetragen werden. Die Zurückhaltung der islamischen Welt zeige, dass die Krim-Krise als europäisches Problem betrachtet werde.

Zur Annexion der Krim durch Russland selbst will sich der Vertreter der Tataren nicht äußern. "Ich möchte keinen Fehler machen", meint Ahmet Özay vorsichtig. "Wir können den Prozess nicht ändern, aber als indigenes Volk haben wir mehr Verantwortung für die Krim als alle anderen Völker."

Wissenschaftler Hotopp-Riecke erläutert dazu Geschichtliches über die Krim. Die Krimtataren als eines von vielen Turkvölkern hätten die Halbinsel schon Hunderte Jahre bewohnt, ehe die Krim 1783 vom zaristischen Russland erobert wurde. "Die Tataren, die viele Elemente in sich aufgenommen haben, betrachten sich als Urvolk der Krim", so Hotopp-Riecke. Er verweist auf uralte Verbindungen nach Deutschland: Schon 1599 habe es Beziehungen gegeben und 1645 dienten die ersten Krimtataren in der preußischen Armee.

Dass die Tataren trotz wechselvoller Geschichte einen engen Zusammenhalt pflegen, führt der Experte auf ihr Medschlis-System gewählter Räte zurück. Dies habe sich auch zu Sowjetzeiten gehalten und die Wiederansiedlung auf der Krim möglich gemacht.

Nun ist die Halbinsel von einer autonomen Republik innerhalb der Ukraine zu einem Bestandteil der Russischen Föderation gemacht worden. Der nächste Schritt der Eingliederung soll am 30. März die Einführung russischer Gesetze sein. Der Nationalrat der Krimtataren will davor beraten, ob die Minderheit russische Pässe annehmen soll.

Die Krimregierung hat angeboten, Tatarisch zur Amtssprache zu machen, den Krimtataren 20 Prozent der Parlamentssitze und einige wichtige Posten zu überlassen. Deutschland-Vertreter Özay meint dazu nun doch recht offen: "Ich akzeptiere die Besatzung nicht, aber ich sehe positive Signale." Allerdings glaubt er, dass die Krim-Besetzung sich nur in eine lange geplante russische Strategie einordnet - die Ost-Ukraine und Moldawien könnten die nächsten Ziele sein.

Sicherheitshalber haben 5000 tatarische Frauen und Kinder die Krim schon verlassen. Die Männer sind geblieben - um notfalls ihr Heimatrecht zu verteidigen.