Sofia | Da hat Bulgarien schon mal ein Infrastrukturprojekt von internationalem Rang beim Wickel und nun droht es in die Binsen zu gehen. Am Pfingstsonntag gab die Regierung in Sofia den Baustopp für die Erdgasleitung South-Stream-Gasleitung durchs Schwarze Meer bekannt.

Partner beim Pipeline-Bau ist Russland. Die dort beheimatete Firma Stroytransgaz sollte den Bau durchziehen. Nun ist aber einer der Anteilseigner der Firma Gennadi Timtschenko, ein in Russland geborener, nach Finnland ausgewanderter und heute in der Schweiz lebender Oligarch. Der gute Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin kam im Zuge der Ukraine-Krise auf die Sanktionsliste der Amerikaner.

Weshalb die USA, sekundiert von der Europäischen Union, Bulgarien in die Zange nahmen. Endlich verhießen die Sanktionen echten Schaden für Russland. Eigens aus Washington reiste daher der republikanische Senator und frühere Präsidentschaftskandidat John McCain nach Sofia, um die Bulgaren den Pipeline-Bau in geplanter Form auszureden. Die bulgarische Führung, ohnehin mehr mit Misstrauensvoten als dem Regieren beschäftigt, gab klein bei. Ausgerechnet das ärmste Mitgliedsland der EU (gut sieben Millionen Einwohner, Durchschnittslohn 270 Euro) muss also bluten, um Sanktionen gegen Russland durchzusetzen.

Russen befreiten Bulgaren vom Türkenjoch

Ausgerechnet Bulgarien, das sich schwertut mit dem harten Kurs des Westens gegen Russland. Zwischen beiden Ländern, die eine Schriftsprache teilen, gibt es eine traditionelle Freundschaft. Sie musste zu sozialistischen Zeiten nicht künstlich hochgezüchtet werden.

Es war die russische Armee, die 1878 das Balkanland vom Türkenjoch befreite und somit die Grundlage für die "nationale Wiedergeburt" Bulgariens legte.

Egal, ob die Bulgaren den South-Stream-Baustopp nun verstehen oder nicht - sie haben sich den höheren politischen Interessen ihrer heutigen Partner unterzuordnen. Obwohl sie die Pipeline, die russisches Erdgas bis nach Mitteleuropa bringen soll, dringend bräuchten. Als Russland im Januar 2009 wegen unbezahlter Gasrechnungen dem Transitland Ukraine den Hahn zudrehte, wurden innerhalb weniger Tage in Bulgarien die Heizungen kalt. Eine Wiederholung soll die Süd-Pipeline mit Direktanschluss an Russland verhindern. Profitieren würden auch die Staaten auf dem Westbalkan.

Keine Einigung bei Nabucco-Pipeline

Einem erklärten Ziel der Europäischen Union allerdings dient South Stream nicht: die Verringerung der Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen aus Russland.

Doch ist die EU genau in dieser Region mit von ihr unterstütztem Leitungsbau kläglich gescheitert. Die Nabucco-Pipeline sollte ursprünglich vom kommenden Jahr an aserbaidschanisches Erdgas über die Türkei nach Europa pumpen. Russland wäre dabei südlich umgangen worden, die Europäer wären in der Tat unabhängiger von der Rohstoffmacht Russland geworden.

Im milliardenschweren Nabucco-Konsortium, zu dem anfangs auch der deutsche RWE-Konzern gehörte, wurde man sich nie richtig einig. Die EU unterstützte das Vorhaben nach anfänglicher Euphorie nur halbherzig. Mehrfach wurden Bau- und Fertigstellungstermine verschoben. Im Juni 2013 schließlich wurde Nabucco beerdigt. Stattdessen wollen sieben Energiegiganten, darunter Eon-Ruhrgas aus Deutschland, die Trans-adriatische Pipeline (TAP) von Aserbaidschan über die Türkei, Griechenland und Italien nach Westeuropa bauen.

Ostsee-Pipeline ohne Rücksicht durchgesetzt

Die Russen waren in Südosteuropa bislang mit South-Stream in der Vorhand. Mit der Schwesterleitung North Stream durch die Ostsee hatten sie vorgemacht, dass ein Staatskonzern wie Gazprom schnell und ohne viel Rücksichten Großprojekte umsetzen kann. Als geeigneter Lobbyist hatte sich der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder erwiesen, der 2005 direkt nach seiner Abwahl ins North-Stream-Management wechselte. Bedenken wegen Schäden am Ökosystem der Ostsee wurden weggewischt wie die Empörung von Balten und Polen darüber, einfach umgangen worden zu sein.

Doch diese Pipeline führt ins mächtige Deutschland, nicht ins kleine Bulgarien. Der Balkanstaat bekommt die Kräfteverhältnisse in Nato und EU exemplarisch vorgeführt. Wenn\\\'s dort im Winter wirklich kalt wird, gibt es vielleicht solidarische Kleiderspenden.