So wird der Wert für Morbidität ermittelt
Die Morbidität zeigt an, wie viele Menschen in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Erkrankung erlitten haben. Dieser Wert wird auf eine konkrete Region übertragen und ist ein Indikator für die Festlegung der Ärzte-Vergütung.

Für das bundesweite Klassifizierungssystem sind die Punkte, nach denen die Behandlung den Ärzten honoriert wird, der Maßstab. Der Bundesdurchschnitt ist als Relativwert mit 1,0 festgelegt. Alle Kreise und Städte in Sachsen-Anhalt weisen einen höheren Morbiditätswert auf. Er reicht von 1,01 im Altmarkkreis Salzwedel bis zu 1,16 in Dessau-Roßlau. (sh)

Weil in Sachsen-Anhalt ein höheres Krankheitsrisiko als anderswo besteht, wollten die Kassenärzte Mehrheitarbeit besser vergütet bekommen. Den Zuschlag erklärte das Bundessozialgericht nun für rechtswidrig. Die Ärzte kämpfen weiter. Ein Beispiel für die Verteilungskämpfe im Gesundheitswesen.

Wer arm ist, wird öfter krank. Das zeigt sich in Sachsen-Anhalt besonders deutlich: Das strukturschwache Land mit überalterter Bevölkerung gehört zu den Regionen mit der höchsten Morbidität, sprich Krankheitsrisiko, in Deutschland.

Für die niedergelassenen Ärzte hat das zwei Seiten. "Man kann gutes Geld verdienen, aber muss auch viel dafür arbeiten", so Burkhard John, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt. Die Mediziner ärgert dabei: Für die ambulante Behandlung eines gesetzlich Versicherten würden von den Kassen 6 Prozent weniger Geld als im Bundesdurchschnitt gezahlt (siehe Grafik).

Gesetzlich liegt seit einigen Jahren die Verantwortung für den Ausgleich des Morbiditätsrisikos bei den Krankenkassen und nicht mehr - wie früher - bei den Ärzten. Daher gingen die niedergelassenen Mediziner in Sachsen-Anhalt 2012 in die Offensive. Sie forderten einen Vergütungszuschlag von 15 Prozent für ihre Praxen, um die Lücke zwischen Kassen-Ausgaben und tatsächlichem Behandlungsbedarf zu schließen.

Bei den Kassen blitzten sie ab, weshalb das Landesschiedsamt in Aktion trat. Der Spruch: Für den Zeitraum von 2013 bis 2015 sollte es eine Extra-Vergütung von 12 Prozent geben - in Jahresscheiben von jeweils 4 Prozent. Das Landessozialgericht sah das anders: Es hob den Schiedsspruch auf und befand, dass die geplante Vergütungserhöhung rechtswidrig ist.

Damit wiederum gab sich die Ärzte-Vereinigung nicht geschlagen. Sie zog vor das Bundessozialgericht in Kassel. Der Zuschlags-Streit von Sachsen-Anhalt hatte plötzlich eine deutschlandweite Bedeutung - wegen der Beispielwirkung für andere Regionen mit ähnlichen Morbiditäts-Sorgen. Die gibt es außer in den Ostländern auch in NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen.

Das Kasseler Gericht bestätigte in der Vorwoche den Entscheid der Dessauer Landesinstanz: Der den Kassenärzten vom Schiedsgericht zugesprochene Zuschlag ist rechtswidrig. Das Urteil hat Signalwirkung für die bundesweiten Honorarverhandlungen für die 150000 Kassenärzte, die am Montag in Berlin begonnen haben.

Die Krankenkassen lehnen sich nach dem Kasseler Urteil zurück. Für sie ist es ein Sieg auf der ganzen Linie. Andreas Arnsfeld, Sprecher der AOK Sachsen-Anhalt, resümiert: "Damit ist klargestellt, dass die Berücksichtigung der Morbidität im Rahmen der dafür vorgesehenen Grenzen und unter Anwendung eines abgestimmten Berechnungsverfahrens erfolgen muss. Darüber hinaus besteht kein Spielraum."

Die Versicherer könnten sich allerdings zu früh gefreut haben. Denn die Kassenärzte-Vetreter bleiben hartnäckig und führen neue Argumente ins Feld. So ist im schwarz-roten Koalitionsvertrag vorgegeben, unbegründete Unterschiede in der Kosten- und Versorgungsstruktur aufzuheben. Im Herbst soll zudem ein neues Qualitätssicherungsgesetz für die medizinische Versorgung in den Bundestag kommen.

Für Sachsen-Anhalts Verbandschef John war die Kasseler Entscheidung mit ihrer Forderung nach tauglichen Gesetzen zumindest insofern eine "Steilvorlage". Die Bundestagsabgeordneten können sich schon darauf einstellen, kräftig von Ärztevertretern "beackert" zu werden.