Schließt sich an die zum 31. Dezember dieses Jahres endende ISAF-Mission der internationalen Streitkräfte die Ausbildungs-, Beratungs- und Unterstützungsmission "Resolute Support" an? Oder gehen die ausländischen und damit auch die deutschen Soldaten komplett raus aus Afghanistan? Das ist seit Monaten die brennende Frage. Auch im Feldlager der Bundeswehr im Norden des Landes, im Camp Marmal in Mazar-e Sharif.

Dort und in der Hauptstadt Kabul sind derzeit auch rund 35 Soldaten des Führungsunterstützungsbataillons 382 Havelberg sowie drei Havelberger Pioniere stationiert. Darunter der Kommandeur der Führungsunterstützer, Oberstleutnant Bernd Hansen. Die Volksstimme besuchte das Feldlager, informierte sich über die Arbeit der Soldaten und sprach über die aktuelle Situation im Land am Hindukusch.

"Wir sind auf beides vorbereitet, sowohl auf die Resolute-Support-Mission als auch auf den kompletten Rückzug", sagt Hansen. "Das Land steht an einem ganz kritischen Scheidepunkt. Die afghanischen Politiker sind gefordert, die Entwicklung voranzubringen." Aus seinem ersten Einsatz 2006 in Kabul erinnert er sich an ein Gespräch mit dem damaligen Verteidigungsminister Afghanistans. "Der sagte damals: Ich habe eine Bitte, lassen Sie uns kein zweites Mal allein." Das wollen die Nato-Streitkräfte auch nicht. Voraussetzung dafür ist aber ein Sicherheitsabkommen zwischen den USA und der islamischen Republik, das es noch nicht gibt.

Die Sicherheitslage schätzt der Oberstleutnant im Moment als "ruhig, aber gespannt" ein. Gehofft wird darauf, dass die Afghanen die Wahlergebnisse und damit die demokratische Lösung akzeptieren und die neuen Machtstrukturen einhalten. Sein persönlicher Eindruck ist, so der Kommandeur aus Havelberg, dass die afghanischen Sicherheitskräfte in der Lage sind, Angriffe abzuwehren. Allerdings: "Es ist kein befriedetes Land."

Kämpfe mit Aufständischen

Dass es das wird, "ist den Menschen nur zu wünschen. Dazu müssen Strukturen entwickelt werden, die dem entsprechen, was wir Zivílgesellschaft nennen. Angefangen vom Rechtssystem über Wirtschaftsentwicklung bis hin zur Bildung. Die afghanischen Politiker haben es in der Hand, ob die Menschen hier eine friedliche und gute Entwicklung nehmen können". Zumindest hatten beide Parteien der Präsidentschaftskandidaten im Vorfeld zugesichert, dass sie einem Sicherheitsabkommen mit den USA zustimmen wollen.

Mit der ISAF-Mission, die nach 13 Jahren im Dezember ausläuft, wurde aus Sicht der Verantwortlichen vor Ort viel erreicht. Die afghanische Armee und Polizei sind sehr gut aufgestellt, sagt der Chef der Presseabteilung im Camp Marmal, Fregattenkapitän Frank Martin. Aufständische versuchen zwar immer wieder, Orte einzunehmen. Doch gelinge es den afghanischen Sicherheitskräften, den Raum zurückzuerobern, sagt er. Das treffe auch für Kunduz zu, wo Taliban Ende August ihre Flagge auf einem Wachpunkt gehisst hatten.

Von ISAF wurden Strukturen geschaffen, die langfristig auf ein friedliches Land hoffen ließen. "In Afghanistan lebt eine ganz normale Bevölkerung, die es leid ist, die Aufständischen ertragen zu müssen." Wichtig sei, dass die Strukturen wachsen und gefestigt werden. Gesetzt wird dabei auf die junge Generation, die einem demokratischen System offen gegenübersteht. Die Wirtschaft müsse in Gang kommen.

Noch ist die Korruption ein großes Problem im Land. Doch versuche man, beim Aufbau von Behörden und Sicherheitskräften Transparenz zu zeigen, um Vertrauen zu entwickeln. Auch die Entwicklung eines Nationalstolzes spiele eine wichtige Rolle. "Es wird ein Prozess sein, der lange Zeit und Geduld erfordert."

Das Schulsystem funktioniere schon gut, die Infrastruktur wurde verbessert, viele Straßen und Häuser wurden gebaut. Der weitere Ausbau dessen sowie zum Beispiel Zugang zu sozialen Medien, Bau einer Eisenbahnlinie und die Wirtschaftsförderung nennt der Pressechef als weitere Voraussetzungen für die Entwicklung Afghanistans.

Frank Martin: "Der Grundstock ist gelegt. Es ist an der Zeit, dass Afghanistan mit den jetzigen Strukturen diesen Weg weiterführt. Es liegt in der Verantwortung der neuen Regierung, diese kleine Blüte zur vollen Pracht zu bringen. Man kann es schaffen."